Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte die Frau, die mir gegenübersteht: Ende Vierzig, Schatten unter den Augen … Unwillkürlich taucht eine Frage auf, die viele Frauen in dieser Lebensphase begleitet: Wie finde ich heraus, wer ich bin?
Ja, ich habe berufliche Erfolge zu verzeichnen, zwei wunderbare Kinder großgezogen und meine Sopranstimme im Chor wird geschätzt. Dennoch mache ich mich oft klein, vergleiche mich mit anderen und erstarre innerlich vor Ehrfurcht vor der promovierten Literaturwissenschaftlerin oder der Alleinerziehenden von drei Kindern, die den ganzen Wahnsinn tagtäglich allein schultert.
Aber in meinem Bücherregal steht ein Foto von mir als Kind – etwa vier Jahre alt – mit breitem Lachen turne ich in einer denkmälernen Badewanne herum. Dieses Lachen, diese unbedingte Lust aufs Leben, die ich in diesem unbeschwerten Kindheitsmoment fühlte, kommt mir wieder in den Sinn.
Irgendwann merke ich, dass die Geschichte, die ich mir selbst über mich erzähle, nicht mehr stimmt. Beim Schreiben beginne ich, mir neue Fragen zu stellen: Wütende, interessierte, neugierige. Die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ oder „Wer will ich noch sein?“ oder „Wer war ich eigentlich doch schon alles!?“
Um das herauszufinden, lass uns zu Stift und Papier greifen. Denn dabei entstehen kreativ-biografische Texte, die helfen, die eigene Spur im Leben wiederzufinden.
Warum die Frage „Wie finde ich heraus, wer ich bin?“ Frauen ab 50 besonders bewegt
Viele Frauen stellen sich in der Lebensmitte Fragen wie: Wie finde ich heraus, wer ich bin? oder Was will ich wirklich? Wir sind in einer komplexen Phase des Wechsels. Nicht nur die Wechseljahre, sondern so viele andere Dinge passieren: Kinder werden groß, beginnen ihre Ausbildung, ziehen weg zum Studium. Trennungen, Scheidungen, unsere Eltern werden älter und brauchen mehr Unterstützung. Jobs, die wir wechseln müssen oder wechseln wollen… Ein Umzug, eine Krankheit, die uns zwingt, unsere Lebensweise zu überdenken.
Mit etwa 50 stehen wir an einem biografischen Wendepunkt. Alte Rollen tragen nicht mehr. Es entsteht Raum, über sich selbst neu nachzudenken und den eigenen Weg zu erkunden.
Schreibimpuls:
- Welche Entscheidungen und Wendepunkte in meinem Leben prägen mich heute?
- Welche unerzählten Geschichten aus meiner Vergangenheit warten darauf, aufgeschrieben zu werden?
- Welche Versionen von mir möchte ich entdecken oder wiederbeleben?
Gesellschaftliche Rollenbilder und Identität
Frauen erleben oft gesellschaftliche Erwartungen, die früh geprägt werden: Auf andere achten, Verantwortung übernehmen, sich selbst zurückstellen.
Zusätzlich erleben Frauen im Gegensatz zu Männern die Wechseljahre, die nicht nur biologisch, sondern auch psychisch und sozial tiefgreifend einen Wandel unserer Persönlichkeit erfordern. Identität wird dadurch komplexer. Kreatives Schreiben kann helfen, diese Muster zu erkennen und die eigene Perspektive zu entwickeln. Wir müssen uns neu erfinden, neu erzählen!
Schreibimpulse:
- Wer durfte ich sein?
- Wer durfte ich nicht sein? Oder noch nicht sein?
- Welche Erwartungen habe ich übernommen, welche möchte ich loslassen?
- Welche weiblichen Vorbilder oder unerzählten Geschichten inspirieren mich?
Mehr über deine familiären Prägungen findest du in diesem Workshop heraus.
Identität wandelt sich mit unserer Erzählung
Aber die gute Nachricht ist: Identität ist nichts Unverrückbares, sondern wandelt sich unser Leben lang. Die Notwendigkeit, uns neu zu erzählen, wird hier zum Vorteil.
Identität hat viel damit zu tun, was wir uns selbst (und anderen) über uns erzählen. Wir bestehen aus Geschichten. Ein Istanbuler Reiseführer sagte mal, dass das Wort „Geschichte“ von Schichtungen kommt: Wir schichten Erlebnis auf Erlebnis, Jahr für Jahr.
Kulturwissenschaftlerin Vera Nünning, die auch zu Erzähltheorie und Geschlechterforschung arbeitet, hat dazu in einem Essay beschrieben, wie sich Menschen als Handlungsträgerinnen und Autorinnen ihre eigene Lebensgeschichte gestalten.
Indem wir Erinnerungen auswählen und interpretieren, geben wir ihnen Bedeutung. So wird Identität zur bewussten Entscheidung: Wer bin ich und wer will ich sein? Gemeinsam mit kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Faktoren.
Wir nutzen bestimmte Erzählmuster, um unser Leben zu strukturieren. Diese Muster – wie zum Beispiel die klassische Heldenreise, Episodenfolgen, Übergänge, Wendepunkte – finden wir immer wieder in Literatur, Mythen, Filmen und Alltagsgeschichten. Durch sie bekommen Erfahrungen einen Sinn: Ereignisse werden nicht als isolierte Fakten, sondern als Teil einer Geschichte erlebt.
Identität ist also Gestaltungsmöglichkeit: Wir bestehen aus Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Durch Schreiben ordnen wir Erfahrungen, Wendepunkte und Muster.
Schreibimpulse:
- Welche Erzählmuster erkenne ich in meinem Leben?
- Wo möchte ich Perspektivwechsel ausprobieren, um neue Facetten von mir zu entdecken?
- Wie kann ich „Identität finden“ als Schreibprojekt verstehen?
Mehr über deine Erinnerungen und neue Perspektiven findest du in diesem Workshop.
Bücher, Geschichten und Erzählmuster als Inspiration
Deswegen sehen oder lesen wir gerne von anderen Menschen oder Protagonistinnen, wie sie Krisen durchlebt und gemeistert haben. Sie können uns Vorbilder sein. Ein großes Repertoire an Büchern, Filmen, anderen Geschichten kann uns helfen, eigene Erfahrungen besser wahrzunehmen, zu interpretieren und sprachlich zu gestalten.
In unseren modernen Gesellschaften ist Identität komplex: Zugehörigkeiten sind vielfältig, Rollenanforderungen widersprüchlich, Lebenswege nicht linear. Erzählungen helfen uns dabei, das Chaotische und Bruchstückhafte unserer Biografie in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. So verstehen wir auch unser Leben besser. Sozialpsychologe Aaron Antonovsky bezeichnet dieses sinnvolle Gestalten unserer Lebenserzählung als Kohärenzgefühl, das wir durchs ordnende Erzählen stärken.
So ist für Vera Nünning das Scheiben über das eigene Leben nicht nur Rückschau, sondern ein aktives Identitätsprojekt: Wer erzählt, ordnet sein Leben in zeitliche Abfolge, wer schreibt, übernimmt die Perspektive der Erzählerin und bewertet die eigenen Erfahrungen. Wer schreibt, entscheidet, welche Geschichten behalten, verändert oder neu interpretiert werden.
Durch diesen aktiven Prozess entstehen neue Einsichten über eigene Motive, Muster, Wendepunkte und Bedeutungen.
Lesen und andere Geschichten beobachten hilft, eigene Erfahrungen zu erkennen und sprachlich zu gestalten – ohne Lösungsvorgaben.
Schreibimpulse:
- Welche Bücher oder Figuren spiegeln Teile meines Lebens wider?
- Welche Szenen könnten als Vorlage für eigene biografische Schreibübungen dienen?
Was kreativ-biografisches Schreiben bedeutet (und was nicht)
Was kreativ-biografisches Schreiben ist
- Literarisch: Wir sind die Erzählende und formen die Hauptfigur unserer Erzählung. Wir wählen die Orte, andere handelnde Personen aus und die Abfolge der zu erzählenden Ereignisse. Wahrhaftigkeit kann sogar beim Fiktionalisieren entstehen.
- Fragmentarisch: Man kann kein Menschenleben wirklich vollständig erfassen. Insofern ist eine Lebenserzählung immer bruchstückhaft.
- Subjektiv: Wir schildern unsere Episoden aus unserer ureigenen Perspektive, so wie wir es erlebt, gefühlt und bewertet haben.
- Spielerisch: Als kreativer Akt probieren wir verschiedene Erzählstimmen, Perspektiven, Zeiten und Formen aus.
- Offen für Widersprüche: Jeder Mensch besteht aus widersprüchlichen Anteilen und aus Bedürfnissen oder Verhaltensweisen, die sich einander widersprechen. Diese Vielfalt und Widersprüchlichkeit gilt es, anzuerkennen.
Was kreativ-biografisches Schreiben nicht ist
- Keine Therapie: Dafür gibt es das therapeutische Schreiben, das andere Ziele verfolgt und im Idealfall von Personen angeleitet wird, die eine psychologische Vorausbildung besitzen.
- Keine Analyse von Störungen: Wir konzentrieren uns nicht auf tatsächliche oder vermeintliche Fehler, die wir gemacht haben, sondern betten Entscheidungen und Geschehnisse in eine Abfolge, ein Davor und ein Danach ein.
- Kein Wahrheitsbeweis: Es geht nicht um absolute Wahrheit, sondern höchstens um Wahrhaftigkeit. Da jede Biografie subjektiv erlebt wird, schreiben wir über inneres Erleben, das sich äußeren Bewertungen von Wahr oder Falsch entziehen muss.
- Kein Coaching: Wir verfolgen kein konkretes Entwicklungsziel mit dem biografischen Schreiben, sondern gehen unserer Lebenserzählung mit künstlerischen Mitteln auf den Grund.
Schreibimpuls:
- Welche Facetten meiner Persönlichkeit möchte ich in Texten sichtbar machen?
- Wie lassen sich alte Geschichten neu interpretieren?
Typische Reflexionsfragen für Frauen ab 50
Welche typischen Fragen stellen wir Frauen in der Lebensmitte uns vor allem?
Beginnen wir bei unserem Aufwachsen, dem Erwachsenwerden und all den Erwartungen an uns als Töchter, Schwestern, Freundinnen, Partnerinnen, Lernende, Berufstätige. Welche Sätze haben wir gehört, welche Ansprüche haben wir unausgesprochen übernommen? Wie wurden wir geprägt, zum Beispiel durch Vorbilder. Hier lautet die Frage: Wo habe ich mich angepasst? Welche Erwartungen habe ich (zunächst) übernommen?
Ich habe zum Beispiel lange gedacht, dass man als Frau im Beruf lieber fast nicht schminken sollte, schon gar keinen roten Lippenstift oder Nagellack etc., weil man sonst nicht ernst genommen wird. Mindestens in bestimmten Berufen. Heute sehe ich das differenzierter. Man kann auch mit Nagellack und Lippenstift – so frau das für sich möchte – stilvoll aussehen.
Falls wir Kinder großgezogen haben und die nun erwachsen geworden sind, diese intensive Aufgabe als Familienmutter erfüllt ist, kann eine Leerstelle entstehen. Dann fragen wir uns: Was bleibt jetzt von mir, wer bin ich außerdem? Wer kann ich noch sein?
Und ganz allgemein kommt vielleicht auch die Frage auf: Welche Entscheidungen habe ich mir schön- oder schlechtgeredet bzw. -geschrieben? Blicke ich heute vielleicht kritischer auf manche Entscheidung? Oder sehe ich in der längeren Rückschau manches gnädiger, wohlwollender? Gewinne ich neue Einsichten auf alt Erzähltes?
Welche Teile meiner Geschichte habe ich vielleicht bisher noch gar nicht erzählt? Weil sie mir bisher nicht wichtig genug erschienen? Oder – und hier finden wir mit neuem Wissen auf patriarchale Strukturen oft interessante Erkenntnisse – gar nicht so bewusst waren?
So hatte ich vor einiger Zeit bei einem Spaziergang mit Freundinnen feststellen müssen, dass so ziemlich alle männliche Gewalt in ihren Lebensläufen verzeichnen mussten. Egal ob körperliche, sexuelle, finanzielle oder seelische Gewalt. Keine von uns war hiervon ausgenommen.
Oder bei meinem Workshop Deine Geschichte – deine Stärke sprachen und schrieben wir über Grenzen, die wir in unserem Leben mal gesetzt haben. Eine Teilnehmerin von über 60 Jahren musste feststellen, dass sie darüber noch nie nachgedacht hatte.
So ist es also spannend, auch darüber zu schreiben, wo wir mutig waren im Leben. Wann haben wir in einer schwierigen Situation zu uns gestanden und eine einsame Entscheidung getroffen? Und was hat sich daraus für unser Leben ergeben?
Schreibimpuls:
- Wer bin ich – welche Facetten habe ich bisher erkundet?
- Was will ich wirklich? Welche Wünsche sind noch ungeschrieben?
- Wie finde ich meinen Weg durch bisher unklare Entscheidungen?
- Welche Talente, Stärken und Eigenschaften fallen mir beim Schreiben auf?
- Welche unerzählten „Ichs“ aus meiner Kindheit oder Jugend tauchen wieder auf?
Wähle eine Frage, schreibe 10–15 Minuten ohne Pause alles auf, was dir einfällt.
Drei Schreibwege, um sich selbst neu zu erzählen
Deshalb habe ich hier einmal drei Möglichkeiten für dich aufgeführt, mit welchen Schreibanregungen du dich neu erzählen kannst.
1. Die vergessenen Versionen von mir
Versetze dich in deine Kindheit und frühe Jugend zurück: welche Person warst du da? Warst du mutiger, wilder, entschlossener als heute? Oder zurückhaltender, ängstlicher, vorsichtiger? Hast du gemacht, was du wolltest, oder wurdest du stark eingeengt durch Eltern, Lehrkräfte, Nachbarschaft etc. Welche früheren „Ichs“ haben dich ausgemacht?
Gab es bestimmte Wünsche, Sehnsüchte, Berufswünsche usw., die du damals gespürt und verfolgt oder nicht verfolgt hattest? Welche Träume hattest du? Welche Bilder hattest du damals von deinem Zukunfts-Ich, die du längst verlassen hast?
Welche Figur wärst du gerne in deinem eigenen Roman?
Ich wollte zum Beispiel mit 17, 18 Sängerin oder Schauspielerin werden. Sogar für ein Vorspielen an der Theaterhochschule Leipzig hatte ich mich beworben. Zu einem Vorsprechen bin ich zwar nie gegangen. Aber als Lehrling zur Wirtschaftskauffrau kam die Idee wieder hoch, in Erfurt beim Arbeitertheater mitwirken zu wollen. Aber ich hatte mich nicht getraut, es mir nicht zugetraut. Diese Bewerbung ums Vorsprechen war längst vergessen. Erst, als ich Unterlagen aus meiner Jugend wieder in die Finger bekam, fiel mir der entsprechende Zettel wieder in die Hände.
Schreibimpuls:
- Welche Versionen von mir aus Kindheit oder Jugend möchte ich wiederentdecken?
2. Die Brüche sichtbar machen
Eine sehr wirkungsvolle Herangehensweise ist es, über die Brüche und Wendepunkte im Leben heranzugehen. Wann habe ich wichtige Entscheidungen getroffen, an denen mein Leben eine Wende genommen hat. Das kann die Berufsausbildung oder der Fortgang zum Studium sein, eine frühe Mutterschaft mit der bewussten Entscheidung fürs Kind. Das kann eine neue Liebesbeziehung oder eine schmerzhafte Trennung sein. Das kann eine schwere eigene Erkrankung oder die eines wichtigen Familienmitglieds oder einer Freundin sein. Eine zerbrochene Freundschaft, ein Umzug, ein neuer Job.
All diese Wendepunkte sind interessante und kritische Stellen eines Lebensweges, an denen besonders viel passiert. Warum hast du dich damals dafür entschieden? Was waren die Motive? Sind es oft die gleichen Motive oder unterschiedliche? Wie haben sich die Entscheidungen angefühlt für dich, was hat sich dadurch ergeben? Würdest du dich heute wieder so entscheiden oder anders und warum?
Schreibimpuls:
- Welche Entscheidungen haben mein Leben geprägt, wie kann ich sie neu erzählen?
3. Die eigene Geschichte umdeuten
Sehr spannend ist es auch, eine andere Deutung des eigenen Lebensweges vorzunehmen, die Perspektive zu wechseln. Vielleicht hast du bisher einen Teil deines Weges als Schwäche, gar Versagen gewertet. Hier kannst du das Heft des Handelns übernehmen, indem du nach Ansatzpunkten suchst, warum du die bisher aus dem Mangel erzählte Geschichte auch ganz anders sehen könntest: Was wäre, wenn die „Ängstliche“ als Kind, Jugendliche, junge Frau auf bestimmte Weise geprägt wurde und deshalb so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat, um sich und andere zu schützen?
Und wer bewertet überhaupt, was als ängstlich oder mutig gilt? Vielleicht hat das, was du bisher oder früher getan hast, sehr viel Kraft gekostet. Und könnte somit auch als stark gesehen werden? Vielleicht war es damals klug, genauso zu handelnd, wie du gehandelt hast und hast aber nun neue Möglichkeiten? Gibt es nicht vielleicht doch Punkte, auf die du stolz sein kannst?
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich als junge Mutter ernsthaft geschämt hatte, „nur“ in Teilzeit berufstätig zu sein. Bis eine damalige gute Bekannte in der gleichen Situation mit aufrechter Haltung und fester Stimme sagte: „Nein, ich bin sehr stolz auf das, was ich tue!“ Donnerwetter, das hatte Eindruck auf mich gemacht. Ich habe mir sehr gemerkt, dass es eine ganz andere Wirkung auf sich selbst und andere hat, wenn man so zu sich und dem eigenen Tun steht und es nicht ab-, sondern aufwertet.
Schreibimpuls:
- Welche alten Geschichten lassen sich anders interpretieren?
Warum dieser Ansatz feministisch ist
Du siehst vielleicht schon an den verschiedenen Zugängen und Sichtweisen, warum ein geschulter Blick auf weibliche Lebensläufe einen Unterschied macht. Wissen verändert die Wahrnehmung. Wie bei der Betrachtung eines Kunstwerkes: Wenn ich mehr Fakten und Hintergründe kenne, blicke ich anders auf ein vielleicht zunächst wirr erscheinendes Kunstwerk.
Je mehr ich über die gesellschaftlichen Muster weiß, mit denen Frauen oder nichtbinäre oder Transmenschen usw. konfrontiert werden im Gegensatz zu Männern, desto schärfer und wachsamer wird mein Blick. Bisher individuell erscheinende Dinge erscheinen plötzlich in anderem Licht.
Denn im Verlauf der 6.000 bis 10.000 Jahre alten patriarchalen Strukturen wurden Frauenbiografien systematisch abgewertet. Legionen von Philosophen, Dichter, Gelehrten und anderen als wichtig erscheinenden Männern haben Frauen auf das Schlimmste beleidigt, schlecht geredet, für unwichtig, unwert und sonstiges erachtet. Sie haben moralisiert, ohne MIT Frauen zu sprechen. Stattdessen haben sie ÜBER Frauen geschrieben.
Die Arbeit von Frauen wurde systematisch heruntergespielt, mies gemacht, unsichtbar gemacht. Wie viele Forscher, Künstler, Dichter und Denker haben sich der Mitarbeit ihrer Frauen, Schwestern, Mütter, Assistentinnen bemächtigt. Haben die Arbeit, die Werke von Frauen als ihre eigenen ausgegeben. Wer steht heute auf Straßenschildern, Denkmälern und Lehrbüchern? Wer wird zitiert?
Aus all diesen Gründen ist es für Frauen ein dringender Akt der Selbstermächtigung, über sich, ihre Arbeit, ihr Sein, Erleben, ihr Schaffen zu erzählen. Zu berichten, zu schreiben. Auch als demokratischer Akt. Denn wenn wir die ganzen Ungerechtigkeiten zugunsten einer gerechteren Welt und humanerer Gesellschaften wenden wollen, müssen wir die so ungleich verteilte Waagschale zugunsten der weiblichen Hälfte der Menschheit verändern.
Es geht um eine gerechte Würdigung weiblicher Erfahrungen, Sichtweisen, Lebenswege. Es geht darum, der männlich dominierten Welt eine komplexere, eine mehrstimmige Lebenswirklichkeit dazu zu stellen.
Schreibimpuls:
- Welche Aspekte meines Lebens wurden bisher übersehen oder abgewertet?
- Welche Erfahrungen möchte ich erzählerisch sichtbar machen?
Deine Geschichte als deine Stärke neu interpretieren kannst du mit diesem Workshop.
Für wen dieser Ansatz besonders geeignet ist
- Frauen ab 50
- mit biografischen Brüchen
- mit Lust auf Sprache
- ohne Therapiebedarf
- mit dem Wunsch: sich selbst neu zu lesen
Fazit: Nicht finden, sondern neu erzählen
Kreativ-biografisches Schreiben heißt Gestalten, Erkunden, Neu-Deuten. Fragen, Schreibimpulse und Perspektivwechsel helfen, die eigene Geschichte lebendig zu machen. Als Erkenntnis, Deutung, mit Freude und Gemeinschaft. Darum, seinen Lebensweg als einen sinnvollen Gesamtzusammenhang zu sehen. Mit neuem Wissen über individuelle versus kollektive Faktoren ausgestattet, die auf dein Leben einwirkten und -wirken, kannst du dein Leben neu erzählen.
FAQ
Frage 1: Kann Schreiben helfen, sich selbst besser kennenzulernen?
Antwort: Ja – Schreiben eröffnet Räume, in denen Gedanken, Erinnerungen und Fragen sichtbar werden. Ohne Therapieansatz, sondern als kreativer Ausdruck.
Frage 2: Was ist biografisches Schreiben im künstlerischen Sinn?
Antwort: Biografisches Schreiben meint hier das Gestalten – mit Sprache, Bildern, Szenen.
Frage 3: Gibt es feste Regeln beim Schreiben über das eigene Leben?
Antwort: Nein – im künstlerischen Zugang darf alles entstehen: Fragmente, Dialoge, Gedichte, Erinnerungsfetzen. Wichtig ist, dass der Text dir gehört.
Frage 4: Für wen ist dieser Beitrag gedacht?
Antwort: Für alle, die über sich schreiben möchten – nicht als Therapie, sondern als Ausdrucksform. Besonders für Frauen ab 50, die sich neu orientieren oder kreativ zurückmelden möchten.
Frage 5: Wird im Beitrag gecoacht oder beraten?
Antwort: Nein. Der Text bietet Gedanken, Reflexionsfragen und Schreibimpulse.
Passende Buchtipps
Zahlreiche Schriftstellerinnen und Dichterinnen haben sich intensiv mit der Frage der Selbstfindung und Identität beschäftigt. Ihre Werke bieten tiefe Einblicke und Inspirationen auf diesem Weg.
- Virginia Woolf – In ihrem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ thematisiert Woolf die Bedeutung der Unabhängigkeit und des eigenen Raums für Frauen. Sie zeigt auf, wie wichtig es ist, als Frau die eigene Kreativität und Identität zu kultivieren.
- Clarissa Pinkola Estés – In ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ beschreibt Estés die Rückkehr zur wahren, wilden Natur der Frau. Es geht darum, sich von gesellschaftlichen Normen zu lösen und die innere, ursprüngliche Persönlichkeit als Frau wiederzufinden.
- Maya Angelou – In ihrer Gedichtsammlung „And Still I Rise“ schreibt Angelou über Frauen, die sich durch Widerstände und persönliche Herausforderungen kämpfen.
Ich grüße dich herzlich,
Susanne
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Falls dich das Thema Abschiede und Neuanfänge interessiert, kannst du in diesem Blogbeitrag von mir mehr darüber nachlesen.
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