55 Sprachspiele von A bis Z für kreatives und biografisches Schreiben

29. Januar 2026
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Kreatives, biografisches Schreiben kann Türen zu Erinnerungen, Gefühlen und neuen Perspektiven auf dein Leben öffnen. Diese 55 Sprachspiele von A bis Z für kreatives und biografisches Schreiben sind eine (unvollständige) alphabetisch geordnete Liste von Sprachspielen, Gedichtformen und Schreib-Inspirationen. Klassische Formen sind hier mit spielerischen Verfahren und experimentellen Impulsen gemischt. Sie bieten einen schönen Einstieg fürs kreative und biografische Schreiben.

Ich habe diese teils weniger bekannten Sprachspiele feministisch umgedeutet, damit sie zu weiblichen Lebensläufen passen. Somit können wir den allzuoft männlich erzählten Texten unsere Erfahrungen als Frauen* dazustellen. Jedes Spiel enthält eine kurze Erklärung und ein Beispiel, um dich direkt ins Schreiben zu bringen.

In der Welt der Sprachspiele, des kreativen Schreibens, der poetischen und literarischen Formen gibt es eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten. Da werden Wörter auseinandergenommen, Buchstaben weggelassen, es wird mit der Menge der Silben gespielt. Da wird geclustert, was das Zeug hält und mit Metaphern hantiert, dass es eine Art hat. Da werden Wörter geschachtelt und Vokale gehäuft, dass die Syntax mit ihnen um die Wette tanzt.

Lasst die Stifte glühen und die Zettel fliegen!

Von A (Anapher) bis D (Dekonstruktion)

A

Anapher

Die Wiederholung eines Satzanfangs betont Erinnerungen und Selbstbehauptung.
Beispiel: „Ich erinnere mich an das Kinderzimmer. Ich erinnere mich an den Geruch der Bücher. Ich erinnere mich an meine ersten Träume.“

Assoziationskette

Gedankenfluss, bei dem ein Wort das nächste auslöst; ideal für freie biografische Exploration.
Beispiel: „Frau – Schule – Regen – Angst – Freundschaft – Mut – erste Demo.“

Archivtext

Schreiben anhand alter Fotos, Briefe oder Dokumente, um Erinnerungen lebendig zu machen.
Beispiel: „Auf diesem Foto trage ich das Kleid, das meine Großmutter genäht hat. Ich erinnere mich an ihre Geschichten über Widerstand und Mut.“

B

Blason

Körperteile poetisch beschreiben, jenseits von Objektivierung und männlichem Blick.
Beispiel: „Meine Hände haben geschrieben, gestrickt, gehalten und losgelassen.“

Blackout Poetry

Bestehender Text wird geschwärzt; übrig bleibende Wörter bilden ein neues Gedicht.
Beispiel: Aus einem alten Gesetzestext: „Ich wähle meine Wege frei.“

Beziehungschronik

Ereignisse über Beziehungen schreiben, um Netzwerke und Nähe sichtbar zu machen.
Beispiel: „Mit meiner Schwester, die immer auf mich aufgepasst hat, teilte ich die ersten Geheimnisse und Träume.“

C

Calligramm (oder Kalligramm)

Worte so anordnen, dass sie bildhaft den Inhalt reflektieren.
Beispiel: Wörter über meine Lebensreise in Form einer Treppe.

Centone

Collage aus eigenen Texten, um Entwicklung sichtbar zu machen.
Beispiel: Zeilen aus alten Tagebüchern zu einem neuen Gedicht verbinden.

Clerihew

Vierzeiler, der sich mit Humor einer Person bzw. ihrem Namen widmet.
Beispiel: „Clara schrieb, Clara lachte, / gegen Mauern und alte Wachte.“

D

Doppelperspektive

Damals-Ich vs. Heute-Ich in einem Text kombinieren.
Beispiel: „Damals zögerte ich, heute schreibe ich laut.“

Dekonstruktionsübung

Gewohnte Sätze zerlegen und neu zusammensetzen.
Beispiel: „Man darf nicht schreien – ich schreie trotzdem, ich schreie noch lauter.“

Du willst einige der Schreibanregungen selber ausprobieren? Dann schreib mit:

Von E (Echo-Gedicht) bis H (Hermetisches Schreiben)

E

Echo-Gedicht

Scherzgedicht mit Frage und Echoantwort am Ende.
Beispiel: „Was macht die Dichterin, wenn sie am Schreibtisch sitzt? Schwitzt.“

Erinnerungsinventar

Liste von Dingen, die mit Erfahrungen verbunden sind.
Beispiel: „Der rote Schal, das alte Buch, die Notizen meiner Mutter.“

Erlaubnistext

Alles aufschreiben, was früher tabu oder verboten erschien.
Beispiel: „Ich darf laut sein, ich darf wütend sein, ich darf lachen.“

F

Found Poetry

Gedichte aus existierenden Texten oder Dokumenten kreieren.
Beispiel: Schulzeugnis + Brief + Zeitung → neues Gedicht.

Fragmenttext

Biografie als Bruchstück, bewusst unvollständig.
Beispiel: „Straße. Regen. Lachen. Verlust. Licht. Haus.“

Fließtext ohne Punkt

Gedankenstrom ohne Satzpunkt, um innere Stimme einzufangen.
Beispiel: „Ich gehe durch die Straßen sehe die Fenster sehe die Menschen höre das Lachen spüre die Kälte und erinnere mich…“

G

Ghasel

Refrainartige Wiederkehr, um emotionale Kernerfahrungen zu betonen.
Beispiel: „Ich habe überlebt – ich habe überlebt – in allen Stürmen.“

Gegengedicht

Ein Gedicht, das mit einer gegenteiligen Aussage auf ein anderes Gedicht reagiert.
Beispiel: „Man sagt, Frauen sollen schweigen – ich schreibe laut.“

Geräuschprotokoll

Alltag als Klangarchiv für Erinnerung und Atmosphäre.
Beispiel: „Küchengeräusche, das Klappern von Tassen, Stimmen, Schritte, Stille.“

H

Herkunftstext

Soziale, familiäre oder regionale Prägungen reflektieren.
Beispiel: „Mein Dorf, meine Mutter, ihre Worte – das erste Mal politisch.“

Hermetisches Schreiben

Verschlüsselte Erinnerungen für Schutz oder poetische Tiefe.
Beispiel: „Blaue Tür, rote Feder, grüne Stille – nur ich weiß die Geschichte.“





„Schreiben kann uns das Leben retten, und es kann still an uns vorübergehen, ohn e tiefere Berührung. Es kann uns helfen, den reißenden Strom zu erleben und einzutauchen in die Spiegelung des Nachtsees, an dessen Ufer wir gelassen sitzen.“

Anna Platsch, Schreiben als Weg, Theseus Verlag, Bielefeld, 6. Auflage 2017, S. 21

Von I (Ich-Variation) bis L (Lückentext)

I – L

Ich-Variation

Perspektivenwechsel zwischen Ich, Du oder Wir, um Erinnerungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen.
Beispiel: „Ich erinnere mich. Du erinnerst dich. Wir erinnern uns gemeinsam.“

Imaginationsbiografie

Das Leben schreiben, das hätte sein können; erlaubt kreative Experimente.
Beispiel: „Wenn ich damals nach Paris gegangen wäre, hätte ich …“

Inventarliste

Alles auflisten, das biografisch relevant ist; oft als Ausgangspunkt für tiefere Reflexion.
Beispiel: „Bücher, Briefe, Fotos, alte Tickets, Postkarten.“

J

Jump-Cut-Text

Erinnerungen in kurzen Sprüngen schreiben, wie Filmschnitte, um Brüche sichtbar zu machen.
Beispiel: „Kindheit – Regen – erster Kuss – Umzug – Stille – Protest.“

Jubiläumstext

Jahrestage literarisch aufarbeiten; reflektiert Meilensteine und persönliche Entwicklung.
Beispiel: „Vor zehn Jahren zog ich in meine erste Wohnung – heute erzähle ich von der Freiheit.“

Kontrafaktur

Umdichtung vorhandener Lyrik
Beispiel: In der Musik kennt man das zum Beispiel von Johann Sebastian Bach, der für seinen Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ des Weihnachtsoratoriums einfach den Eingangschor seiner Kantate „Tönet, Ihr Pauken…“ ersetzt hat.

K

Körpergedächtnis-Text

Den Körper als Speicher von Erinnerungen nutzen.
Beispiel: „Meine Hände zittern – Erinnerungen an die Demo steigen auf.“

Kollektivgedicht

Stimmen mehrerer Frauen oder Generationen in einem Text vereinen.
Beispiel: „Wir haben gelacht, wir haben geweint, wir sind gegangen.“

L

Lipogramm

Buchstaben bewusst weglassen; literarisches Spiel, um Grenzen zu erkunden.
Beispiel: „Ohne e schreibe ich die Stille meiner Kindheit.“

Listenpoesie

Alltägliches oder Biografisches in Listenform, Rhythmus erzeugend.
Beispiel: „Briefe, Fotos, Kleid, Feder, Schlüssel – alles trägt meine Geschichte.“

Lückentext

Texte mit offenen Stellen, die Leser*innen interpretieren oder ergänzen können.
Beispiel: „Mein erster Tag in der Stadt war ___, und ich fühlte ___.“

Von M (Metaphernkette) bis P (Palimpsest-Text)

M

Metaphernkette

Verknüpft Bilder oder Erinnerungen in einer fortlaufenden Bildreihe.
Beispiel: „Die Straße war ein Fluss, der mich ins Licht trug, das mich hielt, das mich führte.“

Madrigal (modern)

Kurzes Gedicht mit rhythmischem oder musikalischem Klang über persönliche Erfahrungen.
Beispiel: „Gestern noch stumm, heute laut – mein Herz schreibt frei.“

Machtumkehr-Text

Situationen oder Hierarchien literarisch umdrehen; Rollen hinterfragen.
Beispiel: „Die Lehrerin schweigt, ich erkläre – die Stimme kehrt sich um.“

N

Namensgedicht

Den eigenen Namen oder Namen von Vorfahrinnen als literarisches Spiel nutzen.
Beispiel: „S – stark, U – unerschrocken, S – sanft, A – aufmerksam …“

Negativraum-Text

Beschreibt, was fehlt oder verschwiegen wurde, statt direkt Ereignisse.
Beispiel: „Kein Wort über meine Schwester, kein Blick auf die Stadt, nur Stille bleibt.“

O

Objektbiografie

Ein Gegenstand erzählt die Lebensgeschichte oder speichert Erinnerungen.
Beispiel: „Die alte Schreibmaschine kennt jeden meiner heimlichen Texte.“

Oulipo-Technik

Schreiben nach festen Regeln oder Einschränkungen, um Kreativität zu fördern.
Beispiel: „Nur Wörter mit drei Buchstaben, um den Druck meiner Jugend zu spüren.“

Ortsgedächtnis-Text

Räume als Träger von Erinnerungen beschreiben.
Beispiel: „Der Park war Zeuge meiner ersten, eigenen Schritte.“

P

Perspektivwechsel

Nebensicht- oder Beobachterinnenperspektiven einfügen, um das Ich zu erweitern.
Beispiel: „Meine Mutter erinnert sich an mich, wie ich auf der Wiese spielte.“

Protokollstil

Nüchterner Stil, um Macht, Regeln oder Grenzüberschreitungen sichtbar zu machen.
Beispiel: „8 Uhr: Aufstehen. 8:15: Küche. 9 Uhr: Arbeit. Alles dokumentiert.“

Palimpsest-Text

Frühere Versionen oder Erinnerungen überschreiben und literarisch neu interpretieren.
Beispiel: „Der alte Brief wird neu geschrieben, diesmal mit Mut.“

Von Q (Quellenmontage) bis T (Typografiespiel)

Q

Quellenmontage

Verschiedene Textsorten zu einem neuen Biografie-Text kombinieren.
Beispiel: „Mein Protest – aus Schulaufsatz, Brief und Zeitung montiert.“

Quadrattext

Texte visuell in Form eines Quadrats setzen; Ordnung als poetische Geste.
Beispiel: Wörter über meinen Tag in einem kleinen Rechteck angeordnet.

R

Rondell (biografisch)

Refrainartige Wiederholung, um Kernerfahrungen zu betonen.
Beispiel: „Ich lachte, ich weinte, ich lachte.“

Rückwärtsbiografie

Vom Jetzt zurück zum Anfang schreiben, um Ursache und Wirkung zu reflektieren.
Beispiel: „Heute schreibe ich, wie alles begann, Schritt für Schritt rückwärts.“

Renga

Japanisches Kettengedicht; abwechselnde Stimmen von Ichs oder Generationen.
Beispiel: „Ich beginne – Du antwortest – Wir schließen gemeinsam.“
(Nach „Kreative Literaturgeschichte, Lutz v. Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke, Schibri-Verlag, Berlin, 1992, S.110)

S

Sestine (modern)

Wiederkehr bestimmter Wörter in komplexer Struktur, um zentrale Themen zu betonen.
Beispiel: „Stimme, Mut, Haus, Kind, Straße, Regen – wiederholt in allen sechs Strophen.“

Sprachsplitter

Kurze, prägnante Gedanken als Bausteine der Biografie.
Beispiel: „Wut. Liebe. Angst. Freiheit. Stille.“

Stimmen-Collage

Viele Stimmen, verschiedene Ich-Perspektiven zusammengeführt.
Beispiel: „Ich erinnere mich. Sie erinnert sich. Wir erinnern uns.“

T

Telegrammstil

Reduktion auf Schlüsselbegriffe, um Essenz zu erfassen.
Beispiel: „Zug. Regen. Freundinnen. Stille. Mut.“

Traumprotokoll

Träume schriftlich festhalten, um unbewusste biografische Inhalte sichtbar zu machen.
Beispiel: „Ich laufe durch eine endlose Bibliothek – überall Stimmen meiner Jugend.“

Typografie-Spiel

Bedeutung durch Layout, Schriftgröße oder Form hervorheben.
Beispiel: „Das Wort FREIHEIT wächst auf der Seite, um sich zu entfalten.“

Von U (Umkehrung) bis Z (Zukunftsbiografie)

U

Umkehrung

Narrative aus Sicht der Machtpositionen umdrehen.
Beispiel: „Die Lehrerin schweigt, ich erkläre – jetzt kehrt die Stimme sich um.“

Unsagbares benennen

Tabus oder Verschwiegenes in Worte fassen.
Beispiel: „Ich nenne laut, was nie ausgesprochen wurde.“

Utaki

Kurzform inspiriert von spirituellen Schwellen; Übergänge im Leben poetisch markieren.
Beispiel: „Hier endet die Straße, hier beginnt mein Ich.“

(Nach „Kreative Literaturgeschichte, Lutz v. Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke, Schibri-Verlag, Berlin, 1992, S.110)

V

Verlustliste

Aufschreiben, was verloren oder gegangen ist.
Beispiel: „Meine Bücher, meine Jugend, mein Mut, mein erster Freund.“

Variation

Dasselbe Erlebnis mehrfach aus unterschiedlichen Perspektiven schreiben.
Beispiel: „Der Umzug – aus Kind-Ich, Teenager-Ich, Erwachsenen-Ich.“

Verkörpertes Gedicht

Bewegung oder Körperhaltung in Text übersetzen.
Beispiel: „Ich strecke die Arme aus – jeder Schritt ein Vers.“

W

Wiederholung als Strategie

Wiederkehr von Worten oder Bildern zur Betonung zentraler Themen.
Beispiel: „Ich schreibe. Ich schreibe. Ich schreibe – bis die Stimme gehört wird.“

Widerstands-Text

Texte als literarischer Protest gegen Unterdrückung.
Beispiel: „Ich breche die Regeln, schreibe laut, bleibe sichtbar.“

Wir-Text

Biografien in kollektiver Perspektive schreiben; Solidarität sichtbar machen.
Beispiel: „Wir haben gelacht, wir haben geweint, wir sind gegangen.“

X

X-fach-Ich

Kind-Ich, Jetzt-Ich, Möglichkeits-Ich im Text einbinden.
Beispiel: „Mein Kind-Ich staunt, mein Jetzt-Ich schreibt, mein Möglichkeits-Ich träumt.“

Y

Y-Text

Zwei auseinanderlaufende Lebenslinien auf derselben Seite darstellen.
Beispiel: „Arbeit – Familie / Reisen – Freiheit – nebeneinander geschrieben.“

Z

Zevenaar-Gedicht

Verdichtete Kurzform, um Kernerfahrungen knapp zu formulieren.
Beispiel: „Mut. Angst. Liebe. Stille. Aufbruch.“

Zirkuläres Schreiben

Ende = Anfang; Lebenskreise oder Wiederkehr symbolisieren.
Beispiel: „Der Brief endet, wo die Geschichte begann.“

Zukunftsbiografie

Aus der Sicht der zukünftigen Ichs schreiben, um Handlungsspielräume zu sehen.
Beispiel: „Mit 70 schreibe ich auf, wie ich mit 50 angefangen habe, meinen Weg zu gestalten.“

Falls du auch Lust bekommen hast, einige dieser Sprach-Ideen selber auszuprobieren, dann komm doch gerne in meine Workshops.

Ich freue mich, dich dort begrüßen zu können und mit dir und anderen tollen Frauen gemeinsam zu schreiben, zu sprechen, zu staunen, zu sitzen und zu schwitzen. Du wirst hinterher beglückt und bestärkt sein.

Herzlichst,
Susanne

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2 Kommentare
  1. Silke Kummert

    Das ist ein sehr interessanter und inspirierender Beitrag.
    Ich habe sofort Lust bekommen, loszuschreiben. Jetzt. Nicht später. Sofort.😉

    Antworten
    • Susanne Berg

      Liebe Silke,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Das freut mich natürlich sehr. Es ist auch wirklich jedes Mal ein tolles Erlebnis, gemeinsam in der Gruppe zu schreiben, zu fühlen und zu diskutieren. Beim letzten Workshop „Deine Geschichte“ war es zum Beispiel das Rondell, was sehr gut ankam, weil man mit solchen einfachen Formen durchs Verdichten (auch schön doppeldeutig) zur Essenz eines vorangegangenen Textes kommt. Fühl dich herzlich eingeladen. Ganz liebe Grüße, Susanne

      Antworten
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