Brauner, geöffneter, alter Koffer mit Teddy und Poesiealbum, der viel für die eigenen Zukunft bedeutet

Deine Zukunft liegt manchmal im alten Familienkoffer

17. Januar 2024

„Ihre Bilder unterhalten sich nun mit meinen“

Die Zukunft meiner Freundin hängt nun in ihrem Flur: Als ich die mir vertraute Wohnung betrete, entdecke ich eine Menge neuer Bilder an den Wänden. Bilder ihrer verstorbenen Tante, die eine bekannte Malerin ihrer Zeit in Nürnberg gewesen war. Es handelt sich um Annemarie Scherbel (auch: Anne Scherbel), die als einzige Frau gemeinsam mit Michael Mathias Prechtl an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg studiert hatte. Diese Künstlerin war schon vor einigen Jahren verstorben, doch der Nachlass lagerte bisher bei Verwandten meiner Freundin. Nun hat sie Koffer und Kisten zu sich geholt, gesichtet und etliche Bilder ihrer Künstlerin-Tante zu ihren eigenen an die Wände gruppiert: „Jetzt können sich ihre Bilder mit meinen unterhalten“, sagt sie, während wir an unseren Sektgläsern nippen. Denn sie ist selbst ein kunstsinniger Mensch mit kreativem Talent, nicht nur als Fotografin.

Die Bilder der Tante erzählen Geschichten; nicht nur direkt über die Motive, sondern auch indirekt. Über die Zeit der Malenden, ihre Rolle als Frau und Künstlerin ihrer Zeit, über sie als Mensch und ihre Widersprüche. Denn natürlich hat meine Freundin Erinnerungen an ihre Tante, wie sie diese Tante als Kind wahrgenommen hat und wie sie die gemeinsame Zeit in ihrer Kindheit heute empfindet. Es besteht eine emotionale Bindung oder man kann eine solche neu für sich entdecken. Manchmal sogar erst recht erst dann, wenn der Betreffende verstorben ist. Diese Gefühle und Gedanken für sich zu sortieren und in sich aufzunehmen, macht unser Innenleben reicher und vielfältiger. Wir fügen unserer Lebensgeschichte ein weiteres Puzzlestück hinzu. Wir begreifen uns einmal mehr als Kind der Zeit, können Lebensgeschichten unserer Vorfahren mit unserer und den jeweiligen historischen Gegebenheiten verknüpfen.

Beginnt man beim ersten Angehörigen, sich über die Lebensdaten anzunähern, kommt man schnell an weitere Verwandte und kann neue Erkenntnisse über die eigene Herkunft zu Tage fördern. Und diese Erkenntnisse reichen ins eigene Leben hinein. Der verstorbene Vorfahre hat sich einer Aufgabe gewidmet, die vielleicht noch immer nicht erledigt ist. Oder heute anders beantwortet würde. Oder von uns anders gehandhabt würde.

 

Lebensgeschichte(n) zu kennen, gibt uns Sicherheit für unsere Zukunft

Dieses Verknüpfen und Verbinden steigert unser Gefühl der Kohärenz. Kohärenz heißt Zusammenhang und bedeutet in Bezug auf unseren Lebensweg, dass wir eine Verbindung sehen zwischen unserer Herkunft, unserem Aufwachsen, unserer Gegenwart und unserem zukünftigen Leben. Wir fühlen uns verbunden, getragen, weniger allein und sehen unser Leben in einem sinnvollen Zusammenhang. Das alles gibt uns mehr Sicherheit. Das hat die Biografieforschung herausgefunden. Aus diesem Grund ist es so hilfreich, sich mit seinen Vorfahren, seiner Familie und Herkunft zu beschäftigen. Es kann uns helfen, gerade auch, wenn wir den Ort unseres Aufwachsens verlassen oder eine Umgebung, in der wir lange gelebt haben. Wie viele Menschen auf der Welt ziehen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht nur von einem Ort zum nächsten, sondern verlassen ihr Land oder ihren Kontinent. Das gehört zu unserer Menschheitsgeschichte dazu. Wenn man sich dann gut mit seiner Geschichte, seinen Lebensweg von der Herkunft über die verschiedenen Stationen bis ins Heute im sinnvollen Zusammenhang sieht und erzählen kann, dann hilft uns das, uns auch an einem neuen Ort verbunden mit uns und anderen zu fühlen.

 

Auftrag eines Vorfahren als neuer Lebenssinn

Ein schönes Beispiel dafür, dass wir eine (neue) Lebensaufgabe für uns finden, indem wir uns an unsere Vorfahren erinnern, ist für mich die Biologin, Musikproduzentin und DJ Jayda Guy. Die bei Vancouver Aufgewachsene ist eine vielschichtige, inspirierende Persönlichkeit: unter dem Künstlerinnen-Namen Jayda G feiert sie weltweit Erfolge als Produzentin von Housemusik. Auch als DJ begeistert sie Tausende auf Festivals. Als Biologin erforscht sie mit blauem Kohlenstoff eine Zukunftstechnologie, die die Folgen unseres Klimawandels entscheidend  verringern können. Diese Erkenntnisse nutzt sie, um in ihrer Musik und den jungen Menschen Umweltschutz zu vermitteln. Sie studierte Umwelt- und Ressourcenmanagement und verarbeitet auch Themen von Gleichberechtigung und autoritären Strukturen.

Vor allem vermittelt sie Hoffnung im schwierigen Kampf gegen die Klimaveränderungen. Ihre Identität als schwarze Frau mit jüdischen Wurzeln gehören zu ihrer Geschichte dazu. Sehr empfehlenswert ist ein vierteiliger Podcast über ihre Geschichte auf dem NDR. Über den blauen Kohlenstoff in Mangrovenwäldern und Küstenregionen als neue „Superkraft“ der Natur hat sie selbst einen Dokumentarfilm gedreht, der derzeit in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Sie verbindet beide Welten, indem sie zum Beispiel auch die Geräusche in den Mangrovenwäldern aufnimmt und in ihre Musik mischt.

Jayda hat ihren Vater im Alter von zehn Jahren verloren. Er war es, der ihr die Liebe zur Natur nahegebracht hat. Er ließ sie Tiere und Pflanzen spüren und nahm in vielen Stunden Tonbänder für seine Tocher auf vor seinem Tod. Außerdem hatte auch er bereits als DJ gewirkt, von der die ganze Familie lange nichts wusste. Wie sehr sein Fühlen und Wirken nun ihr Leben beeinflusst hat, ist offensichtlich. Übrigens hat sie auch vier Jahre in Berlin gelebt.

Welche Gegenstände von Vorfahren lagern bei dir in Koffern, Schubladen oder Dachböden? Was erzählen sie über deine Herkunft? Und was erzählst du dir selber darüber? Ich kann dir nur raten und wünschen, dich auf die Suche zu begeben, auch deinen Kindern davon zu erzählen, wenn du welche hast und sorgsam auszuwählen, was du von diesen Dingen aussortierst und was du aufhebst. Mehr über Lebenssinn, der sich als unsichtbarer Auftrag aus der Herkunft ergibt, habe ich in einem anderen Blogartikel geschrieben über meinen Lebens-Auftrag.

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