Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte die Frau, die mir gegenübersteht: Ende Vierzig, Schatten unter den Augen … Unwillkürlich taucht eine Frage auf, die viele Frauen in dieser Lebensphase begleitet: Wie finde ich heraus, wer ich bin? Beim biografischen Schreiben taucht diese Frage immer wieder auf. Wer über das eigene Leben schreibt, stößt früher oder später auf diese Suche nach der eigenen Geschichte.
Ja, ich habe berufliche Erfolge zu verzeichnen, zwei wunderbare Kinder großgezogen und meine Sopranstimme im Chor wird geschätzt. Dennoch mache ich mich oft klein, vergleiche mich mit anderen und erstarre innerlich vor Ehrfurcht vor der promovierten Literaturwissenschaftlerin oder der Alleinerziehenden von drei Kindern, die den ganzen Wahnsinn tagtäglich allein schultert.
Aber in meinem Bücherregal steht ein Foto von mir als Kind – etwa vier Jahre alt – mit breitem Lachen turne ich in einer denkmälernen Badewanne herum. Dieses Lachen, diese unbedingte Lust aufs Leben, die ich in diesem unbeschwerten Kindheitsmoment fühlte, kommt mir wieder in den Sinn.
Irgendwann merke ich, dass die Geschichte, die ich mir selbst über mich erzähle, nicht mehr stimmt. Beim Schreiben beginne ich, mir neue Fragen zu stellen: Wütende, interessierte, neugierige. Die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ oder „Wer will ich noch sein?“ oder „Wer war ich eigentlich doch schon alles!?“
Um das herauszufinden, lass uns zu Stift und Papier greifen. Denn dabei entstehen kreativ-biografische Texte, die helfen, die eigene Spur im Leben wiederzufinden.
Warum die Frage „Wie finde ich heraus, wer ich bin?“ Frauen ab 50 besonders bewegt
Viele Frauen stellen sich in der Lebensmitte Fragen wie: Wie finde ich heraus, wer ich bin? oder Was will ich wirklich? Wir sind in einer komplexen Phase des Wechsels. Nicht nur die Wechseljahre, sondern so viele andere Dinge passieren: Kinder werden groß, beginnen ihre Ausbildung, ziehen weg zum Studium. Trennungen, Scheidungen, unsere Eltern werden älter und brauchen mehr Unterstützung. Jobs, die wir wechseln müssen oder wechseln wollen… Ein Umzug, eine Krankheit, die uns zwingt, unsere Lebensweise zu überdenken.
Mit etwa 50 stehen wir an einem biografischen Wendepunkt. Alte Rollen tragen nicht mehr. Es entsteht Raum, über sich selbst neu nachzudenken und den eigenen Weg zu erkunden.
Schreibimpuls:
Welche Entscheidungen und Wendepunkte in meinem Leben prägen mich heute?
Welche unerzählten Geschichten aus meiner Vergangenheit warten darauf, aufgeschrieben zu werden?
Welche Versionen von mir möchte ich entdecken oder wiederbeleben?
Gesellschaftliche Rollenbilder und Identität
Frauen erleben oft gesellschaftliche Erwartungen, die früh geprägt werden: Auf andere achten, Verantwortung übernehmen, sich selbst zurückstellen.
Zusätzlich erleben Frauen im Gegensatz zu Männern die Wechseljahre, die nicht nur biologisch, sondern auch psychisch und sozial tiefgreifend einen Wandel unserer Persönlichkeit erfordern. Identität wird dadurch komplexer. Kreatives Schreiben kann helfen, diese Muster zu erkennen und die eigene Perspektive zu entwickeln. Wirmüssen uns neu erfinden, neu erzählen!
Schreibimpulse:
Wer durfte ich sein?
Wer durfte ich nicht sein? Oder noch nicht sein?
Welche Erwartungen habe ich übernommen, welche möchte ich loslassen?
Welche weiblichen Vorbilder oder unerzählten Geschichten inspirieren mich?
Aber die gute Nachricht ist: Identität ist nichts Unverrückbares, sondern wandelt sich unser Leben lang. Die Notwendigkeit, uns neu zu erzählen, wird hier zum Vorteil.
Identität hat viel damit zu tun, was wir uns selbst (und anderen) über uns erzählen. Wir bestehen aus Geschichten. Ein Istanbuler Reiseführer sagte mal, dass das Wort „Geschichte“ von Schichtungen kommt: Wir schichten Erlebnis auf Erlebnis, Jahr für Jahr.
Kulturwissenschaftlerin Vera Nünning, die auch zu Erzähltheorie und Geschlechterforschung arbeitet, hat dazu in einem Essay beschrieben, wie sich Menschen als Handlungsträgerinnen und Autorinnen ihre eigene Lebensgeschichte gestalten.
Indem wir Erinnerungen auswählen und interpretieren, geben wir ihnen Bedeutung. So wird Identität zur bewussten Entscheidung: Wer bin ich und wer will ich sein? Gemeinsam mit kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Faktoren.
Wir nutzen bestimmte Erzählmuster, um unser Leben zu strukturieren. Diese Muster – wie zum Beispiel die klassische Heldenreise, Episodenfolgen, Übergänge, Wendepunkte – finden wir immer wieder in Literatur, Mythen, Filmen und Alltagsgeschichten. Durch sie bekommen Erfahrungen einen Sinn: Ereignisse werden nicht als isolierte Fakten, sondern als Teil einer Geschichte erlebt.
Identität ist also Gestaltungsmöglichkeit: Wir bestehen aus Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Durch Schreiben ordnen wir Erfahrungen, Wendepunkte und Muster.
Schreibimpulse:
Welche Erzählmuster erkenne ich in meinem Leben?
Wo möchte ich Perspektivwechsel ausprobieren, um neue Facetten von mir zu entdecken?
Wie kann ich „Identität finden“ als Schreibprojekt verstehen?
Bücher, Geschichten und Erzählmuster als Inspiration
Deswegen sehen oder lesen wir gerne von anderen Menschen oder Protagonistinnen, wie sie Krisen durchlebt und gemeistert haben. Sie können uns Vorbilder sein. Ein großes Repertoire an Büchern, Filmen, anderen Geschichten kann uns helfen, eigene Erfahrungen besser wahrzunehmen, zu interpretieren und sprachlich zu gestalten.
In unseren modernen Gesellschaften ist Identität komplex: Zugehörigkeiten sind vielfältig, Rollenanforderungen widersprüchlich, Lebenswege nicht linear. Erzählungen helfen uns dabei, das Chaotische und Bruchstückhafte unserer Biografie in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. So verstehen wir auch unser Leben besser. Sozialpsychologe Aaron Antonovsky bezeichnet dieses sinnvolle Gestalten unserer Lebenserzählung als Kohärenzgefühl, das wir durchs ordnende Erzählen stärken.
So ist für Vera Nünning das Scheiben über das eigene Leben nicht nur Rückschau, sondern ein aktives Identitätsprojekt: Wer erzählt, ordnet sein Leben in zeitliche Abfolge, wer schreibt, übernimmt die Perspektive der Erzählerin und bewertet die eigenen Erfahrungen. Wer schreibt, entscheidet, welche Geschichten behalten, verändert oder neu interpretiert werden.
Durch diesen aktiven Prozess entstehen neue Einsichten über eigene Motive, Muster, Wendepunkte und Bedeutungen.
Lesen und andere Geschichten beobachten hilft, eigene Erfahrungen zu erkennen und sprachlich zu gestalten – ohne Lösungsvorgaben.
Schreibimpulse:
Welche Bücher oder Figuren spiegeln Teile meines Lebens wider?
Welche Szenen könnten als Vorlage für eigene biografische Schreibübungen dienen?
Was kreativ-biografisches Schreiben bedeutet (und was nicht)
Was kreativ-biografisches Schreiben ist
Literarisch: Wir sind die Erzählende und formen die Hauptfigur unserer Erzählung. Wir wählen die Orte, andere handelnde Personen aus und die Abfolge der zu erzählenden Ereignisse. Wahrhaftigkeit kann sogar beim Fiktionalisieren entstehen.
Fragmentarisch: Man kann kein Menschenleben wirklich vollständig erfassen. Insofern ist eine Lebenserzählung immer bruchstückhaft.
Subjektiv: Wir schildern unsere Episoden aus unserer ureigenen Perspektive, so wie wir es erlebt, gefühlt und bewertet haben.
Spielerisch: Als kreativer Akt probieren wir verschiedene Erzählstimmen, Perspektiven, Zeiten und Formen aus.
Offen für Widersprüche: Jeder Mensch besteht aus widersprüchlichen Anteilen und aus Bedürfnissen oder Verhaltensweisen, die sich einander widersprechen. Diese Vielfalt und Widersprüchlichkeit gilt es, anzuerkennen.
Was kreativ-biografisches Schreiben nicht ist
Keine Therapie: Dafür gibt es das therapeutische Schreiben, das andere Ziele verfolgt und im Idealfall von Personen angeleitet wird, die eine psychologische Vorausbildung besitzen.
Keine Analyse von Störungen: Wir konzentrieren uns nicht auf tatsächliche oder vermeintliche Fehler, die wir gemacht haben, sondern betten Entscheidungen und Geschehnisse in eine Abfolge, ein Davor und ein Danach ein.
Kein Wahrheitsbeweis: Es geht nicht um absolute Wahrheit, sondern höchstens um Wahrhaftigkeit. Da jede Biografie subjektiv erlebt wird, schreiben wir über inneres Erleben, das sich äußeren Bewertungen von Wahr oder Falsch entziehen muss.
Kein Coaching: Wir verfolgen kein konkretes Entwicklungsziel mit dem biografischen Schreiben, sondern gehen unserer Lebenserzählung mit künstlerischen Mitteln auf den Grund.
Schreibimpuls:
Welche Facetten meiner Persönlichkeit möchte ich in Texten sichtbar machen?
Wie lassen sich alte Geschichten neu interpretieren?
Typische Reflexionsfragen für Frauen ab 50
Welche typischen Fragen stellen wir Frauen in der Lebensmitte uns vor allem?
Beginnen wir bei unserem Aufwachsen, dem Erwachsenwerden und all den Erwartungen an uns als Töchter, Schwestern, Freundinnen, Partnerinnen, Lernende, Berufstätige. Welche Sätze haben wir gehört, welche Ansprüche haben wir unausgesprochen übernommen? Wie wurden wir geprägt, zum Beispiel durch Vorbilder. Hier lautet die Frage: Wo habe ich mich angepasst? Welche Erwartungen habe ich (zunächst) übernommen?
Ich habe zum Beispiel lange gedacht, dass man als Frau im Beruf lieber fast nicht schminken sollte, schon gar keinen roten Lippenstift oder Nagellack etc., weil man sonst nicht ernst genommen wird. Mindestens in bestimmten Berufen. Heute sehe ich das differenzierter. Man kann auch mit Nagellack und Lippenstift – so frau das für sich möchte – stilvoll aussehen.
Falls wir Kinder großgezogen haben und die nun erwachsen geworden sind, diese intensive Aufgabe als Familienmutter erfüllt ist, kann eine Leerstelle entstehen. Dann fragen wir uns: Was bleibt jetzt von mir, wer bin ich außerdem? Wer kann ich noch sein?
Und ganz allgemein kommt vielleicht auch die Frage auf: Welche Entscheidungen habe ich mir schön- oder schlechtgeredet bzw. -geschrieben? Blicke ich heute vielleicht kritischer auf manche Entscheidung? Oder sehe ich in der längeren Rückschau manches gnädiger, wohlwollender? Gewinne ich neue Einsichten auf alt Erzähltes?
Welche Teile meiner Geschichte habe ich vielleicht bisher noch gar nicht erzählt? Weil sie mir bisher nicht wichtig genug erschienen? Oder – und hier finden wir mit neuem Wissen auf patriarchale Strukturen oft interessante Erkenntnisse – gar nicht so bewusst waren?
So hatte ich vor einiger Zeit bei einem Spaziergang mit Freundinnen feststellen müssen, dass so ziemlich alle männliche Gewalt in ihren Lebensläufen verzeichnen mussten. Egal ob körperliche, sexuelle, finanzielle oder seelische Gewalt. Keine von uns war hiervon ausgenommen.
Oder bei meinem Workshop Deine Geschichte – deine Stärke sprachen und schrieben wir über Grenzen, die wir in unserem Leben mal gesetzt haben. Eine Teilnehmerin von über 60 Jahren musste feststellen, dass sie darüber noch nie nachgedacht hatte.
So ist es also spannend, auch darüber zu schreiben, wo wir mutig waren im Leben. Wann haben wir in einer schwierigen Situation zu uns gestanden und eine einsame Entscheidung getroffen? Und was hat sich daraus für unser Leben ergeben?
Schreibimpuls:
Wer bin ich – welche Facetten habe ich bisher erkundet?
Was will ich wirklich? Welche Wünsche sind noch ungeschrieben?
Wie finde ich meinen Weg durch bisher unklare Entscheidungen?
Welche Talente, Stärken und Eigenschaften fallen mir beim Schreiben auf?
Welche unerzählten „Ichs“ aus meiner Kindheit oder Jugend tauchen wieder auf?
Wähle eine Frage, schreibe 10–15 Minuten ohne Pause alles auf, was dir einfällt.
Drei Schreibwege, um sich selbst neu zu erzählen
Deshalb habe ich hier einmal drei Möglichkeiten für dich aufgeführt, mit welchen Schreibanregungen du dich neu erzählen kannst.
1. Die vergessenen Versionen von mir
Versetze dich in deine Kindheit und frühe Jugend zurück: welche Person warst du da? Warst du mutiger, wilder, entschlossener als heute? Oder zurückhaltender, ängstlicher, vorsichtiger? Hast du gemacht, was du wolltest, oder wurdest du stark eingeengt durch Eltern, Lehrkräfte, Nachbarschaft etc. Welche früheren „Ichs“ haben dich ausgemacht?
Gab es bestimmte Wünsche, Sehnsüchte, Berufswünsche usw., die du damals gespürt und verfolgt oder nicht verfolgt hattest? Welche Träume hattest du? Welche Bilder hattest du damals von deinem Zukunfts-Ich, die du längst verlassen hast?
Welche Figur wärst du gerne in deinem eigenen Roman?
Ich wollte zum Beispiel mit 17, 18 Sängerin oder Schauspielerin werden. Sogar für ein Vorspielen an der Theaterhochschule Leipzig hatte ich mich beworben. Zu einem Vorsprechen bin ich zwar nie gegangen. Aber als Lehrling zur Wirtschaftskauffrau kam die Idee wieder hoch, in Erfurt beim Arbeitertheater mitwirken zu wollen. Aber ich hatte mich nicht getraut, es mir nicht zugetraut. Diese Bewerbung ums Vorsprechen war längst vergessen. Erst, als ich Unterlagen aus meiner Jugend wieder in die Finger bekam, fiel mir der entsprechende Zettel wieder in die Hände.
Schreibimpuls:
Welche Versionen von mir aus Kindheit oder Jugend möchte ich wiederentdecken?
2. Die Brüche sichtbar machen
Eine sehr wirkungsvolle Herangehensweise ist es, über die Brüche und Wendepunkte im Leben heranzugehen. Wann habe ich wichtige Entscheidungen getroffen, an denen mein Leben eine Wende genommen hat. Das kann die Berufsausbildung oder der Fortgang zum Studium sein, eine frühe Mutterschaft mit der bewussten Entscheidung fürs Kind. Das kann eine neue Liebesbeziehung oder eine schmerzhafte Trennung sein. Das kann eine schwere eigene Erkrankung oder die eines wichtigen Familienmitglieds oder einer Freundin sein. Eine zerbrochene Freundschaft, ein Umzug, ein neuer Job.
All diese Wendepunkte sind interessante und kritische Stellen eines Lebensweges, an denen besonders viel passiert. Warum hast du dich damals dafür entschieden? Was waren die Motive? Sind es oft die gleichen Motive oder unterschiedliche? Wie haben sich die Entscheidungen angefühlt für dich, was hat sich dadurch ergeben? Würdest du dich heute wieder so entscheiden oder anders und warum?
Schreibimpuls:
Welche Entscheidungen haben mein Leben geprägt, wie kann ich sie neu erzählen?
3. Die eigene Geschichte umdeuten
Sehr spannend ist es auch, eine andere Deutung des eigenen Lebensweges vorzunehmen, die Perspektive zu wechseln. Vielleicht hast du bisher einen Teil deines Weges als Schwäche, gar Versagen gewertet. Hier kannst du das Heft des Handelns übernehmen, indem du nach Ansatzpunkten suchst, warum du die bisher aus dem Mangel erzählte Geschichte auch ganz anders sehen könntest: Was wäre, wenn die „Ängstliche“ als Kind, Jugendliche, junge Frau auf bestimmte Weise geprägt wurde und deshalb so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat, um sich und andere zu schützen?
Und wer bewertet überhaupt, was als ängstlich oder mutig gilt? Vielleicht hat das, was du bisher oder früher getan hast, sehr viel Kraft gekostet. Und könnte somit auch als stark gesehen werden? Vielleicht war es damals klug, genauso zu handelnd, wie du gehandelt hast und hast aber nun neue Möglichkeiten? Gibt es nicht vielleicht doch Punkte, auf die du stolz sein kannst?
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich als junge Mutter ernsthaft geschämt hatte, „nur“ in Teilzeit berufstätig zu sein. Bis eine damalige gute Bekannte in der gleichen Situation mit aufrechter Haltung und fester Stimme sagte: „Nein, ich bin sehr stolz auf das, was ich tue!“ Donnerwetter, das hatte Eindruck auf mich gemacht. Ich habe mir sehr gemerkt, dass es eine ganz andere Wirkung auf sich selbst und andere hat, wenn man so zu sich und dem eigenen Tun steht und es nicht ab-, sondern aufwertet.
Schreibimpuls:
Welche alten Geschichten lassen sich anders interpretieren?
Warum dieser Ansatz feministisch ist
Du siehst vielleicht schon an den verschiedenen Zugängen und Sichtweisen, warum ein geschulter Blick auf weibliche Lebensläufe einen Unterschied macht. Wissen verändert die Wahrnehmung. Wie bei der Betrachtung eines Kunstwerkes: Wenn ich mehr Fakten und Hintergründe kenne, blicke ich anders auf ein vielleicht zunächst wirr erscheinendes Kunstwerk.
Je mehr ich über die gesellschaftlichen Muster weiß, mit denen Frauen oder nichtbinäre oder Transmenschen usw. konfrontiert werden im Gegensatz zu Männern, desto schärfer und wachsamer wird mein Blick. Bisher individuell erscheinende Dinge erscheinen plötzlich in anderem Licht.
Denn im Verlauf der 6.000 bis 10.000 Jahre alten patriarchalen Strukturen wurden Frauenbiografien systematisch abgewertet. Legionen von Philosophen, Dichter, Gelehrten und anderen als wichtig erscheinenden Männern haben Frauen auf das Schlimmste beleidigt, schlecht geredet, für unwichtig, unwert und sonstiges erachtet. Sie haben moralisiert, ohne MIT Frauen zu sprechen. Stattdessen haben sie ÜBER Frauen geschrieben.
Die Arbeit von Frauen wurde systematisch heruntergespielt, mies gemacht, unsichtbar gemacht. Wie viele Forscher, Künstler, Dichter und Denker haben sich der Mitarbeit ihrer Frauen, Schwestern, Mütter, Assistentinnen bemächtigt. Haben die Arbeit, die Werke von Frauen als ihre eigenen ausgegeben. Wer steht heute auf Straßenschildern, Denkmälern und Lehrbüchern? Wer wird zitiert?
Aus all diesen Gründen ist es für Frauen ein dringender Akt der Selbstermächtigung, über sich, ihre Arbeit, ihr Sein, Erleben, ihr Schaffen zu erzählen. Zu berichten, zu schreiben. Auch als demokratischer Akt. Denn wenn wir die ganzen Ungerechtigkeiten zugunsten einer gerechteren Welt und humanerer Gesellschaften wenden wollen, müssen wir die so ungleich verteilte Waagschale zugunsten der weiblichen Hälfte der Menschheit verändern.
Es geht um eine gerechte Würdigung weiblicher Erfahrungen, Sichtweisen, Lebenswege. Es geht darum, der männlich dominierten Welt eine komplexere, eine mehrstimmige Lebenswirklichkeit dazu zu stellen.
Schreibimpuls:
Welche Aspekte meines Lebens wurden bisher übersehen oder abgewertet?
Welche Erfahrungen möchte ich erzählerisch sichtbar machen?
Kreativ-biografisches Schreiben heißt Gestalten, Erkunden, Neu-Deuten. Fragen, Schreibimpulse und Perspektivwechsel helfen, die eigene Geschichte lebendig zu machen. Als Erkenntnis, Deutung, mit Freude und Gemeinschaft. Darum, seinen Lebensweg als einen sinnvollen Gesamtzusammenhang zu sehen. Mit neuem Wissen über individuelle versus kollektive Faktoren ausgestattet, die auf dein Leben einwirkten und -wirken, kannst du dein Leben neu erzählen. Biografisches Schreiben lernen kannst du hier.
FAQ
Frage 1:Kann Schreiben helfen, sich selbst besser kennenzulernen? Antwort: Ja – Schreiben eröffnet Räume, in denen Gedanken, Erinnerungen und Fragen sichtbar werden. Ohne Therapieansatz, sondern als kreativer Ausdruck.
Frage 2:Was ist biografisches Schreiben im künstlerischen Sinn? Antwort: Biografisches Schreiben meint hier das Gestalten – mit Sprache, Bildern, Szenen.
Frage 3:Gibt es feste Regeln beim Schreiben über das eigene Leben? Antwort: Nein – im künstlerischen Zugang darf alles entstehen: Fragmente, Dialoge, Gedichte, Erinnerungsfetzen. Wichtig ist, dass der Text dir gehört.
Frage 4:Für wen ist dieser Beitrag gedacht? Antwort: Für alle, die über sich schreiben möchten – nicht als Therapie, sondern als Ausdrucksform. Besonders für Frauen ab 50, die sich neu orientieren oder kreativ zurückmelden möchten.
Frage 5:Wird im Beitrag gecoacht oder beraten? Antwort: Nein. Der Text bietet Gedanken, Reflexionsfragen und Schreibimpulse.
Passende Buchtipps
Zahlreiche Schriftstellerinnen und Dichterinnen haben sich intensiv mit der Frage der Selbstfindung und Identität beschäftigt. Ihre Werke bieten tiefe Einblicke und Inspirationen auf diesem Weg.
Virginia Woolf – In ihrem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ thematisiert Woolf die Bedeutung der Unabhängigkeit und des eigenen Raums für Frauen. Sie zeigt auf, wie wichtig es ist, als Frau die eigene Kreativität und Identität zu kultivieren.
Clarissa Pinkola Estés – In ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ beschreibt Estés die Rückkehr zur wahren, wilden Natur der Frau. Es geht darum, sich von gesellschaftlichen Normen zu lösen und die innere, ursprüngliche Persönlichkeit als Frau wiederzufinden.
Maya Angelou – In ihrer Gedichtsammlung „And Still I Rise“ schreibt Angelou über Frauen, die sich durch Widerstände und persönliche Herausforderungen kämpfen.
Ich grüße dich herzlich, Susanne
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Falls dich das Thema Abschiede und Neuanfänge interessiert, kannst du in diesem Blogbeitrag von mir mehr darüber nachlesen.
Kreatives, biografisches Schreiben kann Türen zu Erinnerungen, Gefühlen und neuen Perspektiven auf dein Leben öffnen. Diese 55 Sprachspiele von A bis Z für kreatives und biografisches Schreiben sind eine (unvollständige) alphabetisch geordnete Liste von Sprachspielen, Gedichtformen und Schreib-Inspirationen. Klassische Formen sind hier mit spielerischen Verfahren und experimentellen Impulsen gemischt. Sie bieten einen schönen Einstieg fürs kreative und biografische Schreiben.
Ich habe diese teils weniger bekannten Sprachspiele feministisch umgedeutet, damit sie zu weiblichen Lebensläufen passen. Somit können wir den allzuoft männlich erzählten Texten unsere Erfahrungen als Frauen* dazustellen. Jedes Spiel enthält eine kurze Erklärung und ein Beispiel, um dich direkt ins Schreiben zu bringen.
In der Welt der Sprachspiele, des kreativen Schreibens, der poetischen und literarischen Formen gibt es eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten. Da werden Wörter auseinandergenommen, Buchstaben weggelassen, es wird mit der Menge der Silben gespielt. Da wird geclustert, was das Zeug hält und mit Metaphern hantiert, dass es eine Art hat. Da werden Wörter geschachtelt und Vokale gehäuft, dass die Syntax mit ihnen um die Wette tanzt.
Lasst die Stifte glühen und die Zettel fliegen!
Von A (Anapher) bis D (Dekonstruktion)
A
Anapher
Die Wiederholung eines Satzanfangs betont Erinnerungen und Selbstbehauptung. Beispiel: „Ich erinnere mich an das Kinderzimmer. Ich erinnere mich an den Geruch der Bücher. Ich erinnere mich an meine ersten Träume.“
Assoziationskette
Gedankenfluss, bei dem ein Wort das nächste auslöst; ideal für freie biografische Exploration. Beispiel: „Frau – Schule – Regen – Angst – Freundschaft – Mut – erste Demo.“
Archivtext
Schreiben anhand alter Fotos, Briefe oder Dokumente, um Erinnerungen lebendig zu machen. Beispiel: „Auf diesem Foto trage ich das Kleid, das meine Großmutter genäht hat. Ich erinnere mich an ihre Geschichten über Widerstand und Mut.“
B
Blason
Körperteile poetisch beschreiben, jenseits von Objektivierung und männlichem Blick. Beispiel: „Meine Hände haben geschrieben, gestrickt, gehalten und losgelassen.“
Bestehender Text wird geschwärzt; übrig bleibende Wörter bilden ein neues Gedicht. Beispiel: Aus einem alten Gesetzestext: „Ich wähle meine Wege frei.“
Beziehungschronik
Ereignisse über Beziehungen schreiben, um Netzwerke und Nähe sichtbar zu machen. Beispiel: „Mit meiner Schwester, die immer auf mich aufgepasst hat, teilte ich die ersten Geheimnisse und Träume.“
C
Calligramm(oder Kalligramm)
Worte so anordnen, dass sie bildhaft den Inhalt reflektieren. Beispiel: Wörter über meine Lebensreise in Form einer Treppe.
Centone
Collage aus eigenen Texten, um Entwicklung sichtbar zu machen. Beispiel: Zeilen aus alten Tagebüchern zu einem neuen Gedicht verbinden.
Gedankenstrom ohne Satzpunkt, um innere Stimme einzufangen. Beispiel: „Ich gehe durch die Straßen sehe die Fenster sehe die Menschen höre das Lachen spüre die Kälte und erinnere mich…“
G
Ghasel
Refrainartige Wiederkehr, um emotionale Kernerfahrungen zu betonen. Beispiel: „Ich habe überlebt – ich habe überlebt – in allen Stürmen.“
Gegengedicht
Ein Gedicht, das mit einer gegenteiligen Aussage auf ein anderes Gedicht reagiert. Beispiel: „Man sagt, Frauen sollen schweigen – ich schreibe laut.“
Geräuschprotokoll
Alltag als Klangarchiv für Erinnerung und Atmosphäre. Beispiel: „Küchengeräusche, das Klappern von Tassen, Stimmen, Schritte, Stille.“
H
Herkunftstext
Soziale, familiäre oder regionale Prägungen reflektieren. Beispiel: „Mein Dorf, meine Mutter, ihre Worte – das erste Mal politisch.“
Verschlüsselte Erinnerungen für Schutz oder poetische Tiefe. Beispiel: „Blaue Tür, rote Feder, grüne Stille – nur ich weiß die Geschichte.“
„Schreiben kann uns das Leben retten, und es kann still an uns vorübergehen, ohn e tiefere Berührung. Es kann uns helfen, den reißenden Strom zu erleben und einzutauchen in die Spiegelung des Nachtsees, an dessen Ufer wir gelassen sitzen.“
Anna Platsch, Schreiben als Weg, Theseus Verlag, Bielefeld, 6. Auflage 2017, S. 21
Von I (Ich-Variation) bis L (Lückentext)
I – L
Ich-Variation
Perspektivenwechsel zwischen Ich, Du oder Wir, um Erinnerungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen. Beispiel: „Ich erinnere mich. Du erinnerst dich. Wir erinnern uns gemeinsam.“
Imaginationsbiografie
Das Leben schreiben, das hätte sein können; erlaubt kreative Experimente. Beispiel: „Wenn ich damals nach Paris gegangen wäre, hätte ich …“
Inventarliste
Alles auflisten, das biografisch relevant ist; oft als Ausgangspunkt für tiefere Reflexion. Beispiel: „Bücher, Briefe, Fotos, alte Tickets, Postkarten.“
J
Jump-Cut-Text
Erinnerungen in kurzen Sprüngen schreiben, wie Filmschnitte, um Brüche sichtbar zu machen. Beispiel: „Kindheit – Regen – erster Kuss – Umzug – Stille – Protest.“
Jubiläumstext
Jahrestage literarisch aufarbeiten; reflektiert Meilensteine und persönliche Entwicklung. Beispiel: „Vor zehn Jahren zog ich in meine erste Wohnung – heute erzähle ich von der Freiheit.“
Kontrafaktur
Umdichtung vorhandener Lyrik Beispiel: In der Musik kennt man das zum Beispiel von Johann Sebastian Bach, der für seinen Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ des Weihnachtsoratoriums einfach den Eingangschor seiner Kantate „Tönet, Ihr Pauken…“ ersetzt hat.
K
Körpergedächtnis-Text
Den Körper als Speicher von Erinnerungen nutzen. Beispiel: „Meine Hände zittern – Erinnerungen an die Demo steigen auf.“
Kollektivgedicht
Stimmen mehrerer Frauen oder Generationen in einem Text vereinen. Beispiel: „Wir haben gelacht, wir haben geweint, wir sind gegangen.“
L
Lipogramm
Buchstaben bewusst weglassen; literarisches Spiel, um Grenzen zu erkunden. Beispiel: „Ohne e schreibe ich die Stille meiner Kindheit.“
Listenpoesie
Alltägliches oder Biografisches in Listenform, Rhythmus erzeugend. Beispiel: „Briefe, Fotos, Kleid, Feder, Schlüssel – alles trägt meine Geschichte.“
Lückentext
Texte mit offenen Stellen, die Leser*innen interpretieren oder ergänzen können. Beispiel: „Mein erster Tag in der Stadt war ___, und ich fühlte ___.“
Von M (Metaphernkette) bis P (Palimpsest-Text)
M
Metaphernkette
Verknüpft Bilder oder Erinnerungen in einer fortlaufenden Bildreihe. Beispiel: „Die Straße war ein Fluss, der mich ins Licht trug, das mich hielt, das mich führte.“
Madrigal (modern)
Kurzes Gedicht mit rhythmischem oder musikalischem Klang über persönliche Erfahrungen. Beispiel: „Gestern noch stumm, heute laut – mein Herz schreibt frei.“
Machtumkehr-Text
Situationen oder Hierarchien literarisch umdrehen; Rollen hinterfragen. Beispiel: „Die Lehrerin schweigt, ich erkläre – die Stimme kehrt sich um.“
N
Namensgedicht
Den eigenen Namen oder Namen von Vorfahrinnen als literarisches Spiel nutzen. Beispiel: „S – stark, U – unerschrocken, S – sanft, A – aufmerksam …“
Negativraum-Text
Beschreibt, was fehlt oder verschwiegen wurde, statt direkt Ereignisse. Beispiel: „Kein Wort über meine Schwester, kein Blick auf die Stadt, nur Stille bleibt.“
O
Objektbiografie
Ein Gegenstand erzählt die Lebensgeschichte oder speichert Erinnerungen. Beispiel: „Die alte Schreibmaschine kennt jeden meiner heimlichen Texte.“
Oulipo-Technik
Schreiben nach festen Regeln oder Einschränkungen, um Kreativität zu fördern. Beispiel: „Nur Wörter mit drei Buchstaben, um den Druck meiner Jugend zu spüren.“
Ortsgedächtnis-Text
Räume als Träger von Erinnerungen beschreiben. Beispiel: „Der Park war Zeuge meiner ersten, eigenen Schritte.“
P
Perspektivwechsel
Nebensicht- oder Beobachterinnenperspektiven einfügen, um das Ich zu erweitern. Beispiel: „Meine Mutter erinnert sich an mich, wie ich auf der Wiese spielte.“
Protokollstil
Nüchterner Stil, um Macht, Regeln oder Grenzüberschreitungen sichtbar zu machen. Beispiel: „8 Uhr: Aufstehen. 8:15: Küche. 9 Uhr: Arbeit. Alles dokumentiert.“
Palimpsest-Text
Frühere Versionen oder Erinnerungen überschreiben und literarisch neu interpretieren. Beispiel: „Der alte Brief wird neu geschrieben, diesmal mit Mut.“
Von Q (Quellenmontage) bis T (Typografiespiel)
Q
Quellenmontage
Verschiedene Textsorten zu einem neuen Biografie-Text kombinieren. Beispiel: „Mein Protest – aus Schulaufsatz, Brief und Zeitung montiert.“
Quadrattext
Texte visuell in Form eines Quadrats setzen; Ordnung als poetische Geste. Beispiel: Wörter über meinen Tag in einem kleinen Rechteck angeordnet.
R
Rondell (biografisch)
Refrainartige Wiederholung, um Kernerfahrungen zu betonen. Beispiel: „Ich lachte, ich weinte, ich lachte.“
Rückwärtsbiografie
Vom Jetzt zurück zum Anfang schreiben, um Ursache und Wirkung zu reflektieren. Beispiel: „Heute schreibe ich, wie alles begann, Schritt für Schritt rückwärts.“
Renga
Japanisches Kettengedicht; abwechselnde Stimmen von Ichs oder Generationen. Beispiel: „Ich beginne – Du antwortest – Wir schließen gemeinsam.“ (Nach „Kreative Literaturgeschichte, Lutz v. Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke, Schibri-Verlag, Berlin, 1992, S.110)
S
Sestine (modern)
Wiederkehr bestimmter Wörter in komplexer Struktur, um zentrale Themen zu betonen. Beispiel: „Stimme, Mut, Haus, Kind, Straße, Regen – wiederholt in allen sechs Strophen.“
Sprachsplitter
Kurze, prägnante Gedanken als Bausteine der Biografie. Beispiel: „Wut. Liebe. Angst. Freiheit. Stille.“
Stimmen-Collage
Viele Stimmen, verschiedene Ich-Perspektiven zusammengeführt. Beispiel: „Ich erinnere mich. Sie erinnert sich. Wir erinnern uns.“
T
Telegrammstil
Reduktion auf Schlüsselbegriffe, um Essenz zu erfassen. Beispiel: „Zug. Regen. Freundinnen. Stille. Mut.“
Traumprotokoll
Träume schriftlich festhalten, um unbewusste biografische Inhalte sichtbar zu machen. Beispiel: „Ich laufe durch eine endlose Bibliothek – überall Stimmen meiner Jugend.“
Typografie-Spiel
Bedeutung durch Layout, Schriftgröße oder Form hervorheben. Beispiel: „Das Wort FREIHEIT wächst auf der Seite, um sich zu entfalten.“
Von U (Umkehrung) bis Z (Zukunftsbiografie)
U
Umkehrung
Narrative aus Sicht der Machtpositionen umdrehen. Beispiel: „Die Lehrerin schweigt, ich erkläre – jetzt kehrt die Stimme sich um.“
Unsagbares benennen
Tabus oder Verschwiegenes in Worte fassen. Beispiel: „Ich nenne laut, was nie ausgesprochen wurde.“
Utaki
Kurzform inspiriert von spirituellen Schwellen; Übergänge im Leben poetisch markieren. Beispiel: „Hier endet die Straße, hier beginnt mein Ich.“
(Nach „Kreative Literaturgeschichte, Lutz v. Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke, Schibri-Verlag, Berlin, 1992, S.110)
V
Verlustliste
Aufschreiben, was verloren oder gegangen ist. Beispiel: „Meine Bücher, meine Jugend, mein Mut, mein erster Freund.“
Variation
Dasselbe Erlebnis mehrfach aus unterschiedlichen Perspektiven schreiben. Beispiel: „Der Umzug – aus Kind-Ich, Teenager-Ich, Erwachsenen-Ich.“
Verkörpertes Gedicht
Bewegung oder Körperhaltung in Text übersetzen. Beispiel: „Ich strecke die Arme aus – jeder Schritt ein Vers.“
W
Wiederholung als Strategie
Wiederkehr von Worten oder Bildern zur Betonung zentraler Themen. Beispiel: „Ich schreibe. Ich schreibe. Ich schreibe – bis die Stimme gehört wird.“
Widerstands-Text
Texte als literarischer Protest gegen Unterdrückung. Beispiel: „Ich breche die Regeln, schreibe laut, bleibe sichtbar.“
Wir-Text
Biografien in kollektiver Perspektive schreiben; Solidarität sichtbar machen. Beispiel: „Wir haben gelacht, wir haben geweint, wir sind gegangen.“
X
X-fach-Ich
Kind-Ich, Jetzt-Ich, Möglichkeits-Ich im Text einbinden. Beispiel: „Mein Kind-Ich staunt, mein Jetzt-Ich schreibt, mein Möglichkeits-Ich träumt.“
Y
Y-Text
Zwei auseinanderlaufende Lebenslinien auf derselben Seite darstellen. Beispiel: „Arbeit – Familie / Reisen – Freiheit – nebeneinander geschrieben.“
Z
Zevenaar-Gedicht
Verdichtete Kurzform, um Kernerfahrungen knapp zu formulieren. Beispiel: „Mut. Angst. Liebe. Stille. Aufbruch.“
Zirkuläres Schreiben
Ende = Anfang; Lebenskreise oder Wiederkehr symbolisieren. Beispiel: „Der Brief endet, wo die Geschichte begann.“
Zukunftsbiografie
Aus der Sicht der zukünftigen Ichs schreiben, um Handlungsspielräume zu sehen. Beispiel: „Mit 70 schreibe ich auf, wie ich mit 50 angefangen habe, meinen Weg zu gestalten.“
Falls du auch Lust bekommen hast, einige dieser Sprach-Ideen selber auszuprobieren, dann komm doch gerne in meine Workshops.
Ich freue mich, dich dort begrüßen zu können und mit dir und anderen tollen Frauen gemeinsam zu schreiben, zu sprechen, zu staunen, zu sitzen und zu schwitzen. Du wirst hinterher beglückt und bestärkt sein.
Von Kyffhäuser über das Literaturmuseum Meiningen bis zu meinem eigenen Start eines biografischen Projektes war mein Juni 2025 geprägt von biografischen Pfaden. Daneben habe ich mit einem wunderbaren und feinen, neuen Logo den ersten Schritt für das Re-Branding meiner Website gemacht. Ich habe außerdem meinen Zweitjob als Seniorenbegleiterin wieder aufgenommen. Der erfüllend, aber auch kräftezehrend ist. Wie gut, dass ich wieder mit Kraftsport begonnen habe, der mir die notwendige Energie dafür verleiht. Menschen und Kultur werden auch im Juli meine Schwerpunkte werden.
Ein neues Logo als ersten Schritt meines Re-Brandings
Meine bisherige Website sah zwar schick aus, taugte aber nicht mehr. Weil sie weder richtig zu meiner Zielgruppe noch zu meinem Angebot und meiner Art passt. Deshalb hatte ich mir im Frühjahr ein tolles Trio gesucht, das Website-Gestaltung, Grafik und Fotografie aus einem Guss gestaltet. Die drei Frauen um Lilija Olm von Online-Olm nämlich. Sie stimmen sich gegenseitig ab, so dass es ein harmonisches Gesamtkonzept ergibt.
Im Juni haben wir nun gemeinsam mit Grafikerin Alex von punktundpause das Logo als ersten Schritt festgezurrt. Das war das Ergebnis eines aufwändigen Prozesses, in dem ich über meine Stärken, Gründe für mein Angebot und meine Arbeitsweise, Zielgruppe, deren Probleme und Wünsche und noch einiges mehr nachgedacht und alles gesammelt habe. Dieser so gründliche Prozess, den sich Lilija und Kolleginnen da ausgedacht haben, lohnt sich für beide Seiten.
Neue Farben und Logo meines Re-Brandings 2025
Sie fragen auch die Werte ab, nach denen man in seiner Arbeit (und eigentlich auch seinem Leben) handeln möchte. Mir sind dabei vor allem menschliche Wärme, Nahbarkeit und Vielseitigkeit wichtig. Daneben möchte ich fürsorglich, emotional, fein, ehrlich und geradlinig sein. Das jetzt entwickelte feine, fast künstlerische Logo, das Weiblichkeit und Schreiben wunderbar zusammenbringt, macht mich richtig glücklich. Ich freu mich sehr darüber!
Endlich angefangen: Die mütterliche Linie kommt aufs Papier
Schon seit Jahrzehnten habe ich versucht, über meine Mutter und ihre Vorfahrinnen zu schreiben. Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Familienhistorie und biografischem Schreiben nicht nur, weil ich Kurse dazu anbieten möchte. Sondern ich interessiere mich auch ganz privat dafür, über das Leben meiner Familie zu schreiben.
Genauer möchte ich herausfinden, wie die patriarchalen Strukturen die Frauen meiner Familie geprägt haben. Welche Beschränkungen haben die gesellschaftlichen Vorgaben ihnen auferlegt, welche Vorteile hatten sie vielleicht auch? Was haben sie möglicherweise empfunden, welche Träume mussten sie begraben? Denn das ist etwas, das mich tiefgreifend interessiert: wie wirkte und wirkt das Patriarchat sich auf weiblich gelesene Menschen aus; in der Vergangenheit bis heute?
Denn viele Entscheidungen und Lebenswege halten wir für individuell. Wir fühlen uns zum Teil persönlich schuldig, dabei übersehen wir strukturelle Ungleichheiten. Diese bestimmen bis heute die Geschicke aller Geschlechter, allerdings auf unterschiedliche Art und Weise.
In den letzten Jahren habe ich gezielt Familienforschung betrieben; nicht aufwändig, aber doch stetig. Ich habe viele Gespräche mit meinem 94jährigen Vater geführt, verschiedene Fotoalben immer wieder mit unterschiedlichem Blick durchforstet, in einer Familienforschungsplattform online am Stammbaum gebastelt. Stück für Stück bin ich zu neuen Details und Erkenntnissen gekommen.
Doch endlich konnte ich anfangen, wirklich aufzuschreiben. In meinem Kopf hörte die Stimme einfach nicht auf. Ich MUSSTE einfach starten. Und siehe da, wenn man mit dem Stift (ich kann das nur mit Stift und Papier tun, nur so werde ich für mich dieser sehr persönlichen und intimen Reise gerecht) übers Papier gleitet und die Sätze aus einem herausfließen, bekommt man währenddessen immer wieder Aha-Momente. Jetzt jedenfalls wandele ich gerade im Leben meiner Großmutter Lydia, deren Schwiegervater (und mein Urgroßvater) Willy Jaeger 1927 das erste Kino in der kleinen Stadt Sangerhausen an der thüringisch-sächsisch-anhaltinischen Grenze eröffnet hatte.
Gutsortierte Familienfotoalben können eine Grundlage dafür sein, über das Leben seiner Familie zu schreiben.
Im Zweitjob zurück in der Pflege
Wie viele andere Menschen, die sich künstlerisch, publizistisch oder geschäftlich betätigen oder etwas Neues aufbauen, brauche auch ich einen Zweitjob. Als ich vor sechs Jahren ein neues Leben begonnen hatte, suchte ich mir einen Job als Senior*innenbegleiterin. Damals war schon länger der Wunsch in mir, mit alten Menschen arbeiten zu wollen. Während dieser Zeit schrieb ich außerdem an meinem Buch, einem Reiseführer über Nürnberg und Umgebung.
Ich liebe den Kontakt zu Menschen generell. Mir fällt es leicht, Kontakt aufzunehmen, an der Kasse einfach mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich finde immer einen Aufhänger, weil ich es mag, zu beobachten und mir ständig Dinge auffallen. Das Wetter dreht gerade durch? Super Aufhänger für einen Gesprächseinstieg. Jemand hat ein Gemüse aufs Band gelegt, das ich nicht deuten kann? Also frage ich. Eine Frau trägt ein paar Schuhe oder ein Schmuckstück, das ich sehr kleidsam finde, dann liebe ich es, Komplimente zu machen.
Gerade auch zu alten Menschen habe ich einen guten Draht. Ich bin neugierig auf ihre langen Leben, ihre Erfahrungen, ihre Schrulligkeiten und ihre Weisheit, ja auch ihren Humor. Alte Menschen, vor allem alte Frauen, haben oft einen wunderbaren Humor. Dieser Kontakt zu Menschen hatte mir in den letzten beiden Jahren gefehlt, in denen ich den Job aufgegeben hatte, um mich ganz dem Aufbau meiner Schreibkurse zu widmen. Jedenfalls habe ich Anfang Juni wieder angefangen, als Senior*innenbegleiterin zu arbeiten.
Ja die Tätigkeit ist anstrengend und herausfordernd: ich wasche alte Menschen dort, so sie nicht mehr hinkommen. Das ist mit Gerüchen verbunden, mit denen nicht jeder umgehen kann. Ich hebe jemanden mit Spastiken aus dem Rollstuhl und helfe ihm auf die Toilette. Ich beantworte zum zwanzigsten Mal in einer Stunde die gleiche Frage einer Person mit beginnender Demenz. Fürsorge für Menschen, das komplette Da-Sein für eine gewisse Zeit für einen Menschen fordert meine ganze Aufmerksamkeit geistig, seelisch und körperlich. Entsprechend brauche ich nach zwei Tagen dieser Arbeit auch Zeit für mich, um mich wieder zu erholen. Aber ich gehe nach jedem Einsatz erfüllt heraus, weil die Menschen dankbar sind und ich so gut wie jedes Mal höre: „Wann kommen Sie denn wieder? Es war schön mit ihnen.“
Diese kleinen Wunder des Alltags habe ich entdeckt im Garten des Seniorenstifts am Tiergarten Nürnberg.
Was im Juni 2025 bei mir sonst noch los war
Kraftsport und Cycling als Endgegner Nach längerer gesundheitlich bedingter Abstinenz habe ich endlich wieder begonnen, Sport zu machen. Meine verbesserte Fitness durch konsequent drei Mal in der Woche Fitnessstudio kann ich gut für den Job als Seniorenbegleiterin brauchen.
Kultur satt in Meiningen Neben einem wunderbaren Musical in Meiningen (Thüringen) über die von mir so geliebte DDR-Sängerin Tamara Danz haben wir gleich drei Museen besucht. Meiningen ist bekannt für den „Theaterherzog“ Georg II. von Sachsen-Meiningen, der mit seinem „Regietheater“ die Theaterwelt mindestens europaweit stark weiterentwickelt hat. Deshalb waren wir im Theatermuseum. Im kleinen, feinen Literaturmuseum haben wir eine Privatführung genießen dürfen. Dort bin ich auf ein paar feine biografische Wurzeln gestoßen, in denen meine Geburtsstadt Weimar, Poesie, die Schwester von Schiller und Forstwirtschaft (mein Vater war Forstingenieur) eine Rolle spielen.
Die thüringische Stadt Meiningen ist vor allem für ihr Theater und die Theatergeschichte bekannt. Daneben gibt es ein kleines, feines Literaturmuseum, in dem auch die Schwester von Friedrich Schiller, Christophine Schiller, gewürdigt wird.
Turmbesteigung Lorenzkirche Nürnberg Ein Bekannter von uns macht dort Turmführungen der wichtigen Kirche in Nürnberg aus dem 13. Jahrhundert. Also ging es immer weiter hinauf zum zweitgrößten Glockenwerk einer evangelischen Kirche in Deutschland, versteckten Räumen mit Reliefs, die auf Restaurierung warten, zu den drei Orgeln und schließlich dem fantastischen Ausblick auf das wunderschöne Nürnberg.
Die sehr lohnenswerte Turmbesteigung der Nürnberger Lorenzkirche ist im Sommer Samstagnachmittag möglich.
Geburtstagsfeier einer Freundin Eine ganz liebe Freundin hatte am Tag unserer Heimfahrt von Meiningen Geburtstag. Also düsten wir – obschon etwas ermattet – noch im Parks in Nürnberg vorbei. Aber wir wollten unbedingt dabei sein. Und wie so oft hatte es sich gelohnt, sie positiv zu überraschen und die Freunde zu sehen. Unsere Müdigkeit war für eine zeitlang verflogen.
Das „Parks“ in Nürnberg ist vor allem im Sommer ein sehr schöner Veranstaltungsort.
Familiengeschichte unterm Kyffhäuser Noch mehr auf biografischen Pfaden und passend zum Start meines eigenen biografischen Schreibprojekts bin ich in der Kleinstadt Kelbra gewesen. Dort hatte in der Nähe des berühmten Kyffhäusers ein Teil meiner mütterlichen Familiengeschichte gespielt. Die Straßen und Plätze dieser Geschichte einzuatmen hilft einem, Atmosphäre zu spüren.
Türkische Lieder einstudiert Für einen Auftritt mit dem Philharmonischen Chor Nürnberg bei einem türkischen Abend haben wir zwei Volkslieder in türkischer Sprache einstudiert. Wir haben die Freude, mit dem zypriotischen Dirigenten Turgay Hilmi befreundet zu sein, der uns diese Lieder seiner Kindheit nahegebracht hat.
Feminist SchreibClub Weil mich das feministische Schreiben so kolossal interessiert, habe ich mich für dieses besondere Angebot des von mir so geliebten Writersstudio Wien angemeldet. Ein Jahr lang werden wir an jedem zweiten Donnerstag im Monat in Gemeinschaft darüber schreiben und sprechen, wie wir weibliche Erfahrungen in unseren Texten würdigen können.
Wanderung mit Baby Ein befreundetes Pärchen von uns hat kürzlich sein erstes Kind bekommen. Das wollten wir alle schon lange sehen und begrüßen. Das hatte im Juni endlich geklappt: es ist gleich eine ganze Wanderung über zehn Kilometer rund um Lauf an der Pegnitz geworden, unterbrochen von Still- und Fütterpausen, in denen wir verträumt auf Waldränder und sogar ein Lavendelfeld geschaut haben.
Was ich im Juni 2025 gebloggt habe
Was sich bei mir seit Kindheit über Jugend und junges Erwachsenenalter bis heute im Leben durchs Schreiben ergeben hat, habe ich in meinem Artikel Biografisches Schreiben lernen – wohin mich mein Schreiben schon geführt hat reflektiert. Mit diesem bin ich sehr gerne dem Aufruf zur Blogparade von Kerstin Salvador gefolgt.
Ausblick auf den Juli 2025
Türkischer Abend Im Juli folgt unser Auftritt im Serenadenhof in Nürnberg, für den wir die türkischen Lieder einstudiert haben. Wenn sich zwischen den efeuberankten Backsteinwänden die Abendstimmung ausbreitet mit den Lichtern auf der Bühne und den flirrenden Nachtfaltern, herrscht eine unvergleichliche Sommerabendstimmung.
Farben für die Website Im Juli gehen wir den nächsten Schritt in Bezug auf meine neue Website. Wir werden die Farben und Inhalte besprechen. Das wird sehr aufregend.
Sommer in Lauf In meiner Stadt Lauf – ich nenne sie immer liebevoll die schönste Kleinstadt der Welt, weil sie mit ihrer Burg, der Brücke über der Pegnitz und den schönen Fachwerkhäusern so charmant ist – gibt es seit einigen Jahren Sommerkino und Lesungen. Mit meinem Liebsten werden wir zwei Lesungen (Martina Bogdahn und Tobias Schlegl) sowie den Film Wunderschöner besuchen
Granatapfelwein mit Freundinnen Ich predige nicht nur Frauensolidarität und -verbindung, sondern erfreue mich mittlerweile einiger Frauenfreundinnenkreise. In einem dieser Kreise war es überfällig, dass ich mal ein Treffen arrangiere. Wir werden uns im wunderbaren, armenischen Lokal Anuschlini von Narine Jeude unter anderem den köstlichen Granatapfelwein munden lassen.
Klezmer mit Susanne Mit einer anderen lieben Freundin, die auch Susanne heißt, werden wir im Nachbarort einen Abend mit Klezmer- und Balkanmusik besuchen. Ich liebe diese leidenschaftliche und echte Musik und freue mich sehr darauf.
Buch Die Erschöpfung der Frauen Und ich werde das Buch der Soziologin Franziska Schutzbach „Die Erschöpfung der Frauen“ fertiglesen. Darin führt sie so unglaublich augenöffnend vor, wie tiefgreifend Frauen in unserer Welt in die zweite Reihe als Arbeitstiere gedrängt werden. Da braucht man sich wirklich nicht mehr wundern, warum wir mit den Kräften am Ende angelangte Mütter in Kurkliniken vorfinden.
Nun aber wünsche ich Dir möglichst wenig Erschöpfung, stattdessen liebe Menschen und schöpferisch-kreative Momente! Egal mit Stift und Papier oder auf andere Weise. Einen wunderschönen Sommer noch wünscht dir von Herzen
Wenn du biografisches Schreiben lernen möchtest, kann dir meine Geschichte vielleicht Mut machen. Schon als Kind hatte ich ein Tagebuch – nicht, weil mir jemand sagte, ich solle schreiben, sondern weil ich es so schön fand, hineinzuschreiben. Schreiben war meine Art, mich auszudrücken und meinen Tag festzuhalten. Ich glaube, ich habe auch mich selbst damit (fest-) gehalten. Was damals begann, ist heute mein Beruf – und meine Berufung.
Als freie Journalistin habe ich viele Jahre professionell mit Sprache gearbeitet. Ich war neugierig auf andere Menschen, ihre Geschichten, ihre Wahrheit. Doch erst das biografische Schreiben – mein eigenes – hat mir gezeigt, wie kraftvoll das Schreiben sein kann, wenn es persönlich wird. Es hat mir geholfen, Entscheidungen zu treffen, alte Muster zu erkennen und mich neu auszurichten.
In diesem Beitrag erzähle ich dir, wohin mich mein Schreiben geführt hat – und warum ich heute Kurse anbiete, in denen andere genau das lernen können: biografisches Schreiben als Weg zu sich selbst. Vielleicht findest du dich in meinen Stationen wieder. Vielleicht beginnst du danach selbst, zu schreiben – nicht für andere, sondern erstmal nur für dich. Mit diesem Beitrag beteilige ich mich an der Blogparade von Kerstin Salvador, die als Lektorin und Autorin viel mit Schreiben zu tun hat.
Die ersten Spuren – Schreiben als Kind
Ich erinnere mich an kleine Buchstaben aus Plastik, in Rot, Gelb, Blau… Die kleinen, bunten Buchstaben stecke ich auf eine weiße Plastiktafel, erste Worte entstehen. Schon recht bald, nachdem ich in der Schule Lesen und Schreiben lernte, liebte ich das Schreiben, das Rascheln von Papier, das Blättern in Büchern und Zeitschriften. Die Kinderzeitschrift „ABC-Zeitung“ macht mit ihren bunten Seiten Lust auf mehr. Bald schon bin ich mit Sätzen wie „Peter bei Oma“ oder „Papa im Haus“ unzufrieden und will mehr Geschichten in den Texten lesen. Schnell kann ich richtig gut vorlesen und nutze jede Gelegenheit dazu, sowohl in der Schule als auch zu Hause. Meinen Eltern trage ich gerne Kurzmeldungen aus der Zeitung wie eine Nachrichtensprecherin vor.
Lesen ist die Grundlage dafür, den Aufbau von Geschichten zu lernen: wie ist die Hauptfigur angelegt, wie die Geschichte aufgebaut (der Plot), welchen Rhythmus hat der Text und vieles mehr. Irgendwann muss ich davon erfahren haben, dass man seine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse auch in ein Tagebuch schreiben kann. So beginne ich mit elf Jahren, in eine graue Kladde zu schreiben. Später finde ich ein leeres, rotes Notizbuch im Büroschrank meines Vaters. Das gefällt mir besonders gut und heute ist es mein liebstes Tagebuch aus meiner Jugend.
Wenn ich die Texte meiner Kindheit und Jugend durchstöbere, entdecke ich immer wieder Erlebnisse, Tatsachen und Gedanken von damals, die ich fast vergessen hatte. Manches erstaunt mich, bei manchen Formulierungen muss ich lachen oder wundere mich. Und da ist ein Satz, an dem ich hängenbleibe: „Ich will das Leben, mit allem, was dazugehört, kosten“, schreibe ich am 28.März 1986, mit 16 Jahren. MIr wird wieder klar, dass sich einige wesentliche Züge meiner Persönlichkeit schon damals gezeigt haben.
Ich will das Leben, mit allem, was dazugehört, kosten!
Mit dem Schreiben über mein Leben, denn auch Tagebuchschreiben ist eine Form des biografischen Schreibens, habe ich mir also eine Art doppeltes Leben geschrieben. Nicht viel, aber doch genug, um ein Stück des Aufwachsens, eigene Entwicklung, meine Gedanken, für mich festgehalten, es als Schatz gesichert zu haben. Ich kann in diesem Leben immer wieder blättern, kann mich meiner selbst vergewissern, gezielt nach Erlebnissen stöbern und mir neu auftauchende Fragen beantworten. Oder mal endlich ein (literarisches) Buch schreiben.
Das private Schreiben – Gedichte und Journaling
Wie fast jeder Teenager schrieb auch ich ein paar Gedichte, wenn auch von überschaubarer Qualität. Ich machte aber als Studentin weiter. An der Bundesakademie für Kulturelle Bildung besuchte ich ein wunderbares Seminar eines Lyrikers. Gemeinsam mit anderen Studierenden feilten wir gemeinsam an unseren Gedichten, bis sie deutlich besser wurden. Einen Fernlehrgang für kreatives Schreiben hatte ich auch begonnen, diesen aber ehrlicherweise wieder abgebrochen. Zwanzig Jahre später habe ich einen ähnlichen, umfangreicheren Fernkurs begeistert durchgezogen.
Im Laufe der Jahre habe ich in meinen vielen Notizbüchern Szenen, Beobachtungen und Gedankenfetzen aufgeschrieben. Denn ich beobachte gerne Menschen: wie sie gehen und sprechen, wie sie wirken, wie sie sich zu fühlen scheinen, was sie tun und sagen oder nicht sagen. Weitere Gedichte oder Geschichten kamen dazu. Auch eine Kinderbuchidee liegt seitdem geduldig in der Schublade. Auch zum Kinder- und Jugendbuch besuchte ich ein wertvolles Seminar der Textmanufaktur. Über dieses Seminar schrieb ich wiederum eine Reportage für das Schreibmagazin Textart, das zwischenzeitlich eingestellt wurde, nun aber unter neuer Regie wieder erscheint. Berufliches und privates Interesse konnte ich damit wunderbar vereinen.
Doch eines Tages hatte ich mich selbst verloren: Nach vielen Jahren, in denen ich täglich versuchte, Beruf und Leben als Familienmutter mit zwei Kindern unter einen Hut zu bekommen, hatte ich mich aus mehreren Gründen etwas von mir selbst entfernt. Nach vielen Jahren fast ohne Tagebuchschreiben nahm ich mir endlich wieder ein Notizbuch her und begann, etwas von meinem Leben aufzuschreiben. Worüber ich mir Gedanken machte. Was schön war und richtig und was weniger gut lief. In der Zwischenzeit hörte ich immer öfter den Begriff „Journaling“. Und lernte den Unterschied zwischen Tagebuch schreiben und Journaling kennen.
Im Gegensatz zum Tagebuch versucht man beim Journaling, zielgerichteter zu schreiben. Man stellt sich eine konkrete Frage oder will mehr zu einem Lebens-Thema wissen, das einem immer wieder vor die Füße fällt.
Außerdem schreibt man am Ende einer solchen Schreibsession immer ein Fazit. In etwa so: Als ich heute über mein Thema xy schrieb, habe ich festgestellt, wie lange mich diese Frage schon beschäftigt. Dann ist mir aufgefallen, dass ich schon als Jugendliche immer wieder selbst auf gute Lösungen gekommen bin. Das hatte ich ganz vergessen. Ich glaube, ich bin talentierter dabei als ich bisher von mir dachte.“ Ein solches Fazit zu ziehen empfiehlt im Übrigen auch Schreibdozentin und Biographieforscherin Dr. Birgit Schreiber. Sie nennt es „ernten“: die beim Schreiben gewonnenen Erkenntnisse noch einmal aufschreiben.
Biografisches Schreiben und ein neues Leben
Mit dieser zielgerichteten Art zu schreiben hatte ich eines Tages ein Schlüsselerlebnis: Ich glaube, wir waren gerade im Urlaub in Griechenland. Dorthin hatte ich extra ein großes Notizbuch und einige Schreibanregungen mitgenommen, die ich regelmäßig durchging. Bei einer meiner Schreibzeiten kam ich darauf, was meine wichtigsten Bedürfnisse sind. Ich werde nie vergessen, was das für ein intensiver Moment für mich war. Es war wie ein lautloser Donnerschlag für mich. Weil ich nun mehr Klarheit darüber hatte, wie ich mir mein Leben einrichten kann, damit es mir gut geht. Was ich unbedingt brauche, damit es zu mir passt.
In Kindheit und Jugend bin ich, wie viele andere Menschen – vor allem Frauen – auch, nicht damit aufgewachsen, nach meinen Bedürfnissen zu fragen. Lange wusste ich gar nicht, woher ich wissen sollte, was ich wollen könnte.
Jetzt aber hatte ich neue Entscheidungsgrundlagen. Ich wusste jetzt viel mehr darüber, was ich wirklich brauche. Mit dieser starken Erkenntnis im Gepäck blieb ich beim Tagebuch schreiben und dem Journaling. Ich nutzte mal dies und mal jenes, je nach Situation. Und in meinem privaten Leben traf ich eine schwierige, aber notwendige Entscheidung. Mit Rücksicht auf andere Menschen führe ich dies nicht näher aus. Zwar dauerte es noch eine Zeit lang, bis ich meine Entscheidung in die Tat umsetzte. Aber das Segel für meine Zukunft hatte ich gesetzt. Meine Zukunftsvorstellung gab mir Ansporn und Rückenwind zugleich.
Außerdem stieß ich beim Stöbern in meinen alten Tagebüchern auf einen Text, den ich mit 17 Jahren geschrieben hatte. Sinngemäß schrieb ich, dass ich mir selbst verspreche, an meinen Träumen festzuhalten und mir treu zu bleiben. Das fand ich dann doch erstaunlich und berührend, dass ich dass damals schrieb. Und mich genauso verhalten hatte. Ich hatte mir schon damals eine Leitlinie aufgeschrieben, an der ich mich womöglich unbewusst orientiert hatte.
Im Herbst 2018 waren gleich mehrere schwierige Dinge in meinem Leben auf einmal passiert. In den Monaten darauf krempelte ich mein Leben komplett um: ich veränderte Wohnort, Job und die Menschen, mit denen ich zusammenlebte. Neben meinem Umzug unterstützte ich auch den Umzug meines damals 88-jährigen Vaters, der in meine Nähe zog. Ich schleppte schwere Möbelteile, schraubte Dutzende Schränke zusammen, lernte, mit der Bohrmaschine umzugehen und alleine zu leben. Ich suchte mir einen Nebenjob als Seniorenbegleiterin, um meiner Arbeit als freie Journalistin ein zweites Standbein zu verschaffen. Und noch vieles andere mehr. Als der letzte Schrank aufgebaut war und ich den Schraubenzieher zur Seite legen konnte, klappte ich den Rechner auf und fand in meinem E-Mail-Postfach eine sensationelle Anfrage.
Schreiben als Beruf – Journalismus und Lektorat
Ein Verlag, originellerweise der Berg-Verlag (zum Bruckmann-Verlag gehörend), mit dem ich nicht verwandt bin, hatte mich im Internet entdeckt und fragte tatsächlich an, ob ich ein Buch für sie schreiben wolle. Ich bekam diese Anfrage völlig unverhofft. Und freute mich wie eine Schneekönigin. Aber bis dahin war es ein langer Weg.
Eigentlich hätte ich gerne Germanistik studiert. Das hat sich aber nicht ergeben, also studierte ich Betriebswirtschaftslehre, erst in Zwickau, dann an der Fachhochschule in Nürnberg. Dieses für mich eher trockene Studium habe ich mir recht bald mit zusätzlichen Fächern wie Verlagswesen, Weltliteratur, Soziologie oder Philosphie gewürzt. Da mein Ziel immer war, beruflich vor allem mit Schreiben zu tun zu haben, habe ich nebenbei Journalismuskurse bei zwei erfahrenen Journalist:innen besucht.
Am ehesten ließ sich mein Ziel über den Umweg in die PR (Public Relations, dt. Öffentlichkeitsarbeit) verfolgen. Das habe ich mit meiner Diplomarbeit und dem ersten Job nach dem Studium geschafft. Als leitende Angestellte in einem Verband habe ich vor allem Texte für Medien verfasst und Kulturangebote gestaltet. Das kam gut an. Umso glücklicher war ich, als ich nach diesem Job in einen Verlag kam, der mir ein Volontariat anbot. In diesen zwei Jahren arbeitete ich wie eine Redakteurin für eine Zeitschrift der Möbelzulieferindustrie. Ich schrieb über Möbelkanten und Türgriffe, machte mich über Leuchtmittel und Kücheninnenleben schlau oder den Innenausbau von Wohnmobilen.
Mitten im Volontariat bekomme ich meine beiden Kinder. Das Volontariat muss warten. Da ich mich bald im Mütterzentrum treffe, damit sowohl mein Kinder als auch ich unter andere Kinder und Erwachsene kommen, wird eine neue Person für die Pressearbeit gesucht. Ich greife sofort zu. Ein Jahr lang trage ich die Arbeit des Mütterzentrums in Pressemeldungen, für die Website, in Wahlprüfsteinen oder einer Ausstellung nach außen. Auf diese Weise bekomme ich Kontakt zur Lokalredaktion der Tageszeitung. Ich frage nach, ob ich für sie schreiben könne. So beginne ich, über Konzerte, Vorträge oder andere Veranstaltungen zu berichten. Ich freue mich darüber, dass meine Texte nie gekürzt werden.
Als auch mein zweites Kind reif für den Kindergarten ist, kann ich das Volontariat wieder aufnehmen und in Teilzeit fertig absolvieren. Allerdings bin ich als Redakteurin mit Kind eine Exotin im Verlag; für die männlichen Kollegen mit Kind ist das nicht so; die Zeit bei diesem Verlag geht also nach Abschluss meines Volontariates zu Ende. Bei einem anderen kann ich dafür anfangen. Wenn auch als Handelsvertreterin auf selbstständiger Basis. Hier geht es weniger ums Schreiben, sondern vielmehr darum, Geschäftsleitungen in meiner Region hochwertige Bildbände vorzustellen, die sie als Geschenke für besondere Kunden und Geschäftsparterinnen verschenken können. Vom Verkaufserlös werden zusätzlich der Umweltverband WWF und später auch der Verein Menschen für Menschen unterstützt.
Eine Zeitlang finde ich das ganz spannend. Ich klappere die vielfältigen mittelfränkischen Firmen ab, führe launige Gespräche und bewundere einmal jährlich zur Weihnachtsfeier in einem schicken Kölner Hotel die Verkaufsprofis und neue Produkte.
Doch nach vier Jahren will ich wieder konzeptionell arbeiten: schreiben, recherchieren, mir Gedanken über Inhalte machen. Also beende ich die Tätigkeit als Handelsvertreterin und forciere meine Selbstständigkeit in Richtung freie Journalistin. Endlich. Das war es, was ich eigentlich immer wollte. Zunächst beginne ich, Reportagen für ein fränkisches Magazin zu schreiben. Ich krieche durch Höhlen, frage Menschen mit ungewöhnlichen Sammlungen und Hobbys aus, stapfte durch eine mit Sägespänen übersäte Dreherwerkstatt mitten in Nürnberg-Gostenhof … Mein erster Text über ein Eselrennen in Hersbruck ist noch gewöhnungsbedürftig: ich hielt es für eine gute Idee, die Geschichte mit einem bestimmten Esel als Protagonisten zu stricken.
Mein damaliger Chefredakteur lässt mich schmunzelnd gewähren und ich entwickle mich weiter. Ich baue mir die ersten Reportagen Stück für Stück zusammen, befasse mich mit den verschiedenen Möglichkeiten, diese Textsorte zu gestalten. Ich schreibe über Menschen, altes Handwerk, Franken, Kultur, Literatur, Soziales und Berufe.
Im Laufe der Jahre gewinne ich mehr Auftraggeber im Print- und Online-Bereich. Darunter der Meramo-Verlag, der für die Bundesagentur für Arbeit tätig ist. Für die Plattform Abi.de schreibe ich diverse Texte über Berufe. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fragt an. Ein interessanter Auftraggeber war das Magazin WILA Arbeitsmarkt des Wissenschaftsladen Bonn e.V. Aus meinem Umfeld kommen Anfragen für Produkttexte für ihre Websites. So kommt eines zum anderen. Ich ergreife einfach Gelegenheiten beim Schopf. Bei einer Konferenz zum Kultur- und Verlagsbereich in Nürnberg kann ich ein Interview mit einem Verlagsleiter führen. Also recherchiere ich schnell nach einem geeigneten Aufnahmegerät, besorge mir das am Vormittag und sitze wenige Stunden später mit dem Gerät beim Interviewpartner, hoffend, dass alles funktioniert.
Ich komme auch in Kontakt mit der örtlichen Volkshochschule, für die ich eine Zeit lang den Newsletter schreibe. Auf diese Weise ergattere ich einen Traumjob in der örtlichen Bücherei in Lauf an der Pegnitz: in einer Teilzeitstelle kann ich gemeinsam mit einer Kollegin die PR und vor allem das bekannte LiteraturfestLiteraturtage Lauf organisieren.
Dann erhalte ich eine Anfrage der Stiftung Warentest, Porträts für einen Ratgeber für Angehörige von demenzkranken Menschen zu verfassen. Und dann, in meinem neuen Leben, die Anfrage des eingangs erwähnten Verlages, einen Reiseführer für Nürnberg und Umgebung zu verfassen. Was für ein schöner Auftrag! Ich recherchiere, suche und finde. 101 Orte aus den Bereichen Genuss, Natur, Kultur, Handwerk und Kreatives sowie Zukunftsfähiges vereine ich in diesem Buch, für das ich etwa fünf Monate Zeit habe.
Mein Schreiben brachte mich zum eigenen Buch – 2020 veröffentlichte ich einen Reiseführer zu Nürnberg und Umgebung (Foto: Susanne Weigel)
Weil ich aber auch gerne korrigiere und lektoriere, dafür auch die eine oder andere Anfrage erhalte, bilde ich mich auch darin weiter. Nach den tollen Seminaren der Akademie der Deutschen Medien München halte ich das Zertifikat als Freie Lektorin ADM in den Händen. Immer wieder darf ich zum Beispiel Texte für ein Südtiroler Hotelbaumagazin korrigieren. Das ist das Schöne an dieser Arbeit, dass man sich immer wieder neu entdeckt, Bereiche kennenlernt, von denen man nicht einmal wusste, dass es sie gibt! Außerdem korrigiere ich die Programmhefte des Philharmonischen Chores Nürnberg, bei dem ich seit vielen Jahren begeistert singe (Sopran, ganz hohes C… ;-))
Biografisches Schreiben lernen – vom Schreiben zum Lehren
Die Zeit der Pandemie und meine private Lebensveränderung bringen mich 2019 dazu, mich beruflich noch einmal neu zu sortieren. Auftraggeber fallen weg und ich möchte mein eigenes Ding machen. Da ich schon immer gerne über, für und mit Menschen schreibe und zu tun habe, diverse Kurse in kreativem, biografischen Schreiben und Journaling besucht habe und nun auch am eigenen Leben spüren konnte, wie sehr einem das Schreiben helfen kann, entsteht die Idee, Kurse in biografischem Schreiben zu geben.
Daneben war und bin ich nun wieder tätig als Seniorenbegleiterin. Ich unterstütze alte Menschen zu Hause bei der Körperpflege und im Haushalt und beschäftige mich vor allem mit ihnen. Das mit ihnen sprechen, spazierengehen, vorlesen ist aktive Biografiearbeit. Dabei gelingt es mir immer, sie mit Neugier, Offenheit und Wertschätzung für sich selbst fröhlicher nach meinem Besuch zu verlassen, als ich sie vorgefunden habe.
Ich mache eine Weiterbildung zur Biografieberaterin beim Verein LebensMutig e.V., verschlinge Schreibratgeber, besuche das Journalingcamp in Hamburg. Schließlich erhalte ich über eine Freundin einen wunderbaren Auftrag, eine private Biografie zu lektorieren. Sie spielt auch noch in meiner alten Heimat Thüringen. Sowohl der Auftraggeber als auch ich lernen eine Menge. Ich bespiele wenn auch mit Pausen meinen Instagram-Account , setze Newsletter-Automationen auf, bespiele meine Website, bastele eine Landingpage für meinen Adventskalender mit schönen Schreibaufgaben und vieles mehr.
Ich lerne die Welt des writersstudios in Wien kennen, die den amerikanischen Ansatz des creative writing in den deutschsprachigen Raum gebracht haben. Natürlich musste ich dort unbedingt ein Live-Writing-Seminar besuchen. Sommertage in Wien, mit Wein und Lesung am Abend, Besuch des Schosses Schönbrunn und des Museums über Sigmund und Anna Freud. Voller wunderbarer Erlebnisse und Schreibinspirationen kam ich zurück nach Hause.
Meinen Schreibworkshop, den ich online als Abschluss zur Biografieberaterin zum Thema Genuss gehalten habe und auch die Schreibsession, die ich im Frühjahr 2025 beim Barcamp der Blogger*innen bei Judith Peters in Stuttgart vor Ort gehalten habe, bestärken mich. Die Frauen und wenigen Männer geben mir durchweg positive Rückmeldungen, dass sie Neues erfahren, einen warmen Zusammenhalt in der Gruppe (das ist mir immer super wichtig!) erlebt und von ihren eigenen Schreiberfahrungen inspiriert und ermutigt sind.
Außerdem beschäftige ich mich intensiv mit feministischem Wissen. Denn als Frau, Mutter, Partnerin, Tochter, Arbeitnehmerin und Selbstständige erlebe ich die Folgen des Patriarchats ja täglich selber. Dabei gilt es, die strukturellen Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu würdigen und zugleich nicht in einer Opferrolle zu bleiben, sondern danach zu suchen, wie ich mein Leben selbstbestimmt und lebensfroh leben kann. Warum und wie ich feministisches Wissen und Handeln so wichtig finde und wie ich das versuche, kannst du in diesem Artikel von mir nachlesen.
Es ist nun einmal Fakt, dass wir historisch und weltweit noch immer massiv benachteiligt werden. Ich sehe es an der Biografie meiner Vor-Mütter, also meinen Großmüttern und meiner Mutter. Ich sehe es bei Frauen in meinem Umfeld. Erst neulich ist mir durch Gespräche wieder bewusst geworden, dass es fast keine Frau gibt, die nicht schon in irgend einer Form sexuelle oder andere Gewalt erfahren hat. Dazu gehört auch psychische Gewalt, finanzielle Gewalt, strukturelle Gewalt …
Da die Arbeit von Frauen zum Beispiel auch in Wissenschaft und Kunst jahrhunderte lang von Männern kleingehalten wurde – Geschichte wurde ja auch von Männern geschrieben – möchte ich konkret Dichterinnen und Schriftstellerinnen recherchieren und bekannter machen. Deshalb baue ich in meine Angebote Texte und ein wenig Infos über diese Künstlerinnen mit ein.
Was ich unbedingt vermitteln möchte sind vor allem wertvolle Informationen zu den Mechanismen weiblicher Lebensläufen, feministisches Wissen, Lebensfreude und Ermutigung. Meine Stärke ist es, einen warmherzigen Raum zu schaffen mit Tiefe, Neugier, echter Begegnung und aufrichtigem Interesse. Mit Wertschätzung, Vielfalt und Respekt. So dass jede Person ermutigt und inspiriert mit mehr Lebensfreude aus einem Schreibworkshop herausgeht und tatkräftig ihr Leben angeht. Oder mit Ruhe und innerem Leuchten auf ihr Leben blickt. Und schreiben kann jede, die einen Stift halten und lesen und schreiben gelernt hat. Mehr braucht es nicht.
Es geht in erster Linie noch nicht darum, einen literarisch hochwertigen Satz zu verfassen. Das KANN sich später ergeben. Es geht darum, überhaupt ins Schreiben zu kommen. Schreiben entwickelt sich durchs Schreiben. Das Tun ist es, was uns weiterbringt. Ein Satz ergibt den nächsten. Dabei machen wir so oft Entdeckungen. Entdeckungen über uns selbst, über unsere Kreativität, die dann wächst und wozu wir alles in der Lage sind. Das macht stolz. Das ist erfüllend.
Schreiben, Fühlen, Leben
In meinem Leben war und ist das Schreiben ein zentraler Anker. Wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze, kann ich ICH sein. Oder mit dem Stift in eines meiner Notizbücher schreibe, dann bin ich ehrlich bei mir. Mein Schreiben hat mich so viele Menschen, Orte und Stationen kennenlernen lassen. Mich entwickeln und wachsen lassen. Beruflich und persönlich. Mich auch mal geärgert, wenn ich nach dem passenden Zugriff aufs Thema gesucht, den falschen Schwerpunkt gewählt oder überhaupt sehr lange für den Text gebraucht habe.
Ich habe durch meine Texte Freude, Anerkennung und Einkommen gehabt. Anderen Menschen habe ich damit informieren, erstaunen, erfreuen und berühren können. Das ist ein schönes Gefühl. Kürzlich habe ich einen großen, aufwändigen und in mehrfacher Hinsicht erkenntnisreichen journalistischen Auftrag abgeschlossen. Wohin mich das Schreiben noch führen wird, weiß ich nicht. Vorrangig möchte ich in Schreibkursen Frauen ermutigen, bestärken, für sich selbst begeistern und ihnen ein Leuchten ins Gesicht zaubern. Allerdings bin ich ein sehr neugieriger und aufgeschlossener Mensch. Falls also verlockende Anfragen und Gelegenheiten für journalistische Texte oder Lektorate am Wegesrand auftauchen, dann kann es sein, dass mich mein Schreiben wieder mehr in die journalistische Richtung führt.
Auf jeden Fall aber möchte ich mich auf den Weg machen, einen biografisch gefärbten Roman zu schreiben. Von Jugend an habe ich den Drang, über meine Mutter und ihre Herkunft zwischen Kino und Autozentrale im Mansfelder Land zu schreiben. Ich möchte gerne am Beispiel meiner Vor-Mütter weibliche Lebensläufe sichtbar, fühlbar machen und dabei auch der Landschaft am Fuße des Kyffhäuser eine Textheimat verschaffen. Vorbild sind mir dabei u.a. der Roman Hannas Töchter der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson und die Suche der südtiroler Autorin Christine Vescoli nach der kaum fassbaren Identität der Mutter mit ihrem Roman Mutternichts.
Ob ich diese Herausforderung schaffe, kann ich überhaupt nicht sagen. Denn immer wieder kommt das Leben dazwischen: Geldverdienen, sich um nahe stehende Menschen kümmern, die eigene Gesundheit pflegen, Schuhe putzen, die Steuererklärung, feiern gehen oder einfach mal auf dem Sofa lümmeln und nur dumm gucken.
Immerhin habe ich schon etliche Seiten über mein Leben geschrieben und Material zu meinen Vorfahren gesammelt. Meine alten Tagebücher und Briefe aus den Wendejahren 1989 bis in die 1990er an meine Eltern und Freundinnen existieren ja auch noch.
Und wenn auch du mehr über deine Herkunft, dein Aufwachsen und heutiges Leben schreiben willst, dann geht es hier zu meinem Selbstlernkurs Biografisches Schreiben für Frauen. Schreib mir doch gerne in die Kommentare über deinen Weg des Schreibens.
Ich grüße dich, liebe Leserin, ganz herzlich aus dem schönen Franken!
Trennungen, Umzüge, neuer Job: Abschiede und Neuanfänge gehören zu jedem Leben dazu. Da wir heute länger leben als früher und unsere Biografien komplexer geworden sind, haben wir aber mehr Übergänge zu bewältigen. Dafür benötigen wir biografische Kompetenz. Denn gut überwundene Lebenskrisen lassen uns nachweislich besonders reifen. Was genau passiert in Wendepunkten mit uns? Welche Herausforderungen stellen sich für Frauen dabei? Entscheidend für ein gelingendes (neues) Leben sind u.a. eine gute Reflexion des Vergangenen, Neugier und kluger Optimismus. Was wir dabei beachten sollten, das liest du in diesem Artikel.
Was passiert, wenn wir Abschied nehmen und neu anfangen?
Kein Bett, kein Regal, kein Kühlschrank. Nur ein uralter Camping-Klapptisch und zwei ebensolche Stühle. Ich trete auf den kleinen Balkon meiner neuen Wohnung und blicke auf den kleinen Berg in der Ferne. Das war vor etlichen Jahren, als ich ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte. Mein altes Leben lag hinter mir. Das neue musste ich für mich definieren.
Wendepunkte: alles ist anders
In Drehbüchern und generell im Storytelling gibt es den „point of no return“: Der Zeitpunkt, an dem nichts mehr so ist im Leben der Hauptfigur wie vorher. Abschiede und Neuanfänge sind Wendepunkte in unserem Leben.
Die Ethnologen Arnold van Gennep und Victor Turner haben Übergangsriten vieler Kulturen untersucht und dafür den Begriff Liminalität geprägt. Mit ihm bezeichnen sie die Übergangs- oder Schwellenphase zwischen der Trennungs- und der Angliederungsphase. Wir durchleben eine Übergangszeit, in der das Alte endet, aber das Neue noch nicht feststeht. Wir stehen also sinnbildlich wie bestellt und nicht abgeholt am Bahnhof unserer Geschichte.
Andere Begriffe dazu sind auch Krise, Wachstums-Krise, Lebenskrise, Wachstums-Schmerz, Midlife-Crisis. In jedem Fall verändern sich unser Selbstbild, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Identität.
Arten von Lebensübergängen
Manche Lebensübergänge geschehen freiwillig, wenn wir zum Beispiel selbst der Chefin den Dienst quittieren, dem Partner schweren Herzens die Trennung verkünden oder umziehen wollen. Andere passieren uns, ungeplant und ungewollt. Wenn ein langjähriger Freund bei einem Motorradunfall verstirbt oder uns die Diagnose Brustkrebs überrollt, sind das Ereignisse, die über uns hereinbrechen.
Biografisch typische Übergänge sind der Eintritt in die Schule, die Pubertät, der Beginn der Berufsausbildung/Studium etc. Auch der regelmäßige Wechsel der Jahreszeiten sind Übergänge, die wir gewohnt sind. Je ungewohnter, ungewollter der Übergang ist, umso mehr fällt eine alte Regelmäßigkeit in unserem Leben weg. Bisherige Tagesstrukturen und Abläufe sind nicht mehr da. Neue aber auch noch nicht. „Wir fühlen uns in unserem eigenen Leben nicht mehr zu Hause“, beschreibt es Claudia Täubner in ihrer empfehlenswerten Folge Lebensübergänge in ihrem Podcast Dein neues Ich.
gewollte (eigene Kündigung, Trennung, Umzug etc.) versus ungewollte (man wird gekündigt, der andere trennt sich von uns, Krankheit, Unfall, Todesfall in der Familie etc.)
normative (entsprechend unseres Lebensalters Übergänge wie Schuleintritt, Volljährigkeit, Pubertät, Wechseljahre, Renteneintritt usw.) versus nichtnormative (individuelle Übergänge, egal ob gewollt oder nicht gewollt wie Jobwechsel, Trennungen, Unfall)
vertikale (entsprechend der zeitlichen Abfolge nacheinander wie Schuleintritt, Berufseintritt, Rente) versus horizontale (mehrere Übergänge, die gleichzeitig in einer Lebensphase stattfinden wie Wechseljahre, Auszug der Kinder, Tod der Eltern in den mittleren Jahren)
Bei so manchen Abschieden gibt es etwas, was wir zu betrauern haben: den Verlust eines Menschen, eine zu Ende gegangene Liebe oder Freundschaft, der Abschied von einem gesunden Lebensabschnitt, ein geplatzter Traum… Wir beginnen einen Trauerprozess. Zu wissen, in welchen Phasen dieser verläuft, kann uns helfen, besser zu verstehen, was gerade mit uns passiert. :
Nicht-Wahr-Haben-Wollen bzw. Verweigerung (als Selbstschutz Verleugnen, Ignorieren, Gefühlslosigkeit)
Verhandeln (mit einem Gott, dem Schicksal), Suchen, Wiederfinden und Sich-Trennen
Depression (man hat die Unwiederbringlichkeit erkannt, Gefühl der Machtlosigkeit)
Annahme, neuer Selbst- und Weltbezug
In meiner neuen Wohnung damals habe ich von Null angefangen. Ich besorgte mir erst einmal einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Meine wenigen Klamotten sortierte ich in quergestellte Umzugskartons, eine Freundin lieh mir einen hübschen Stuhl nebst Kerzenständer. Ich lernte, Möbel zusammenzubauen und mit der Bohrmaschine umzugehen. Bei dem einen oder anderen Möbelstück hatte ich Hilfe von lieben Freundinnen, das meiste habe ich allein bewältigt.
Merke: Abschiede und Neuanfänge sind Übergangsphasen in unserem Leben, die uns viel abverlangen. Je nach Anlass gibt es freiwillige bzw. normative Übergänge, aber auch nichtnormative. Besonders in der Lebensmitte erleben wir mehrere Übergänge gleichzeitig. Abschied und Trauer verlaufen in mehreren Phasen. Wir müssen das Vergangene verarbeiten, unser aktuelles Leben neu aufstellen und viele Entscheidungen treffen.
Wie uns Lebensübergänge prägen
Aber ich lernte noch viel mehr: Ich lernte mit 50 Jahren endlich, allein zu leben. Das hatte ich mir so ausgesucht, musste aber mit Leben gefüllt werden. Ich saß eines Abends auf meinem Sofa, das ich inzwischen hatte. Bewusst habe ich keinen Fernseher, kein Radio angemacht, kein Buch gelesen. Sondern nur dagesessen, hineingespürt, was ich genau fühle und welches Wort dazu passt. Und mein Gefühl der inneren Leere gefühlt. Ganz bewusst. Irgendwann kamen die Tränen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich viel besser.
Lebensübergänge sind Knotenpunkte unserer Biografie
In Lebensübergängen müssen wir Anpassungsleistungen vollbringen. Wir verändern uns, die eine mehr, der andere weniger aktiv. Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello sagt: „Lebensübergänge sind Treiber der Identitätsentwicklung“.¹ Die emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern ist eine der wenigen, die die Psychologie der Lebensübergänge wissenschaftlich erforscht hat. Besonders die ab dem mittleren Lebensalter.
Lebensübergänge stellen oft eine Krise für uns dar. Sie halten besondere Aufgaben für uns bereit, an denen wir gefordert sind, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Abschiede und Neuanfänge sind also DIE Knotenpunkte unserer Biografien. Wir müssen bedeutsame Entscheidungen darüber treffen, wie wir weitermachen wollen.
Überall da, wo über das eigene Leben reflektiert wird, ob bei der Psychotherapeutin, in einer Burnout-Klinik, bei der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren usw., wird mit der Lebenslinie gearbeitet. In ihr wird das Leben von Beginn bis zum aktuellen Zeitpunkt visualisiert und alle wesentlichen Abschiede und Neuanfänge eingetragen. Weil hier Entscheidungen getroffen wurden und sich daran genauer zeigt, wer man ist. Aus welchen Motiven hat man gehandelt, welche Werte und Bedürfnisse waren zu dieser Zeit wichtig für die Person?
Anhand welcher Kriterien entscheiden wir?
Woran aber soll man sich orientieren für das neue Leben? Welche Motive und Werte leiten uns? Welche Bedürfnisse haben wir? Innerhalb kurzer Zeit müssen wir Dinge verarbeiten, Antworten in uns auf die herausfordernde Situation finden und neue Ziele setzen. Deshalb greifen diese Zeiten besonders stark in unsere Persönlichkeit ein.
Veränderung in uns und in der sozialen Rolle
Dabei verändern wir uns innerlich. Aber auch unsere Rollen nach außen, in der Gesellschaft, verändern sich. Man ist nicht mehr die angestellte Kollegin in Abteilung X, sondern eine Zeitlang arbeitslos oder wird selbstständige Unternehmerin oder Mutter. Verstirbt ein Elternteil, ist man nicht mehr (aktive/r) Tochter oder Sohn, nun steht man an vorderster Stelle der Generationenrangfolge. Auch dieser Rollenwechsel soll vollzogen werden. Man hat teilweise einen anderen sozialen Status; die Erwartungen von außen sind andere.
Neue Ärzte, neue Website, neue Steuerklasse
Auch ganz praktisch haben wir bei Umzügen, Trennungen, neuen Jobs usw. eine Menge zu erledigen: wir müssen uns bei Ämtern und Behörden ab-, an- oder ummelden, Unterlagen besorgen, Anträge stellen. Wir brauchen bei einem Wohnortwechsel neue Ärztinnen, einen neuen Klempner oder die Info darüber, wo man Sondermüll entsorgt. Den neuen Lieblings-Supermarkt und die verständnisvolle Frisörin. Wir finden uns in einer neuen Steuerklasse wieder.
Auch Versicherungen müssen angepasst oder unsere digitale Identität verändert werden. Bei vielen muss alle paar Jahre eine Website einer Generalüberholung unterzogen werden. Viel häufiger als die Generationen vor uns bauen wir unser aktuelles Leben ab und an anderer Stelle wieder neu auf; entweder ganz real durch Umzüge oder auf amtlicher, behördlicher Ebene.
Heutige Biografien vielfach komplexer
Durch unsere westliche Lebensweise haben wir mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Somit haben wir auch die „Normalbiografie“ früherer Zeiten nicht mehr. Mehr Freiheit bedeutet aber auch mehr Verantwortung. Mehr Möglichkeiten geben uns die „Qual der Wahl“. Dr. Hubert Klingenberger, einer der wichtigsten Vertreter der Biografiearbeit im deutschsprachigen Raum, weist darauf hin, dass wir Menschen deshalb heute viel mehr Lebenswenden zu bewältigen haben, für die wir zusätzlich noch kaum Vorbilder haben.²
Dazu kommt, dass wir heute eine viel längere Lebenserwartung haben. Die durchschnittliche Lebenserwartung um 1900 lag in Deutschland bei 47 Jahren, hat sich also inzwischen fast verdoppelt. Zusätzlich (glücklicherweise) in deutlich besserer Gesundheit als frühere Generationen.
Wegen all dieser Faktoren spricht Hubert Klingenberger davon, dass wir eine größere biografische Kompetenz für uns benötigen. Wir sind also die Architektinnen unseres Lebenshauses. Unsere Leben sind unberechenbarer, unsicherer, komplexer und widersprüchlicher geworden.
Zwischen Angst, Überforderung und Neugier
Diese Übergangszeit bei Lebensübergängen, zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, macht uns verständlicherweise Angst oder erzeugt mindestens Gefühle großer Unsicherheit, Zweifel oder Spannung. Wie auf einer langen Brücke haben wir das bekannte Terrain verlassen, unter uns ein kaltes, tiefes Wasser und das gegenüberliegende Ufer weitestgehend unbekannt.
„Die Identität muss erst noch an die neuen Umstände angepasst werden. Aufgrund äußerer oder innerer Anforderungen – gewollte oder ungewollte – müssen oder dürfen wir unsere Identität während unseres gesamten Lebens immer wieder neu definieren.“ So formuliert es Pasqualina Perrig-Chiello. „An Grenzen zu stoßen, tut weh, aber aktiviert all das, was in uns steckt.“
Unsere komplexeren Lebensläufe führen zu mehr Umbrüchen. Deshalb benötigen wir eine gute biografische Kompetenz.
Positive Folgen durchlebter Krisen
Dennoch haben Forschende festgestellt, dass die meisten Menschen Krisen nicht nur gut überstehen, sondern wir danach deutlich an Persönlichkeit, Charakter und Widerstandskraft gewinnen. Das hilft uns wiederum beim nächsten, unausweichlich bevorstehenden Lebensübergang.
Wenn wir Krisen gut verarbeiten, sehr bewusst und hoffnungsvoll, könne das laut der amerikanischen Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun folgende positive Wirkung auf uns haben:
größere Wertschätzung des Lebens
Intensivere menschliche Beziehungen
Eigene Stärken werden bewusst
Man entdeckt neue Möglichkeiten für die eigene Lebensgestaltung
Größeres spirituelles Bewusstsein
Mehr Mitgefühl und Empathie für andere
Höhere Widerstandskraft für neue Schicksalsschläge³
Merke: Lebensübergänge lassen uns besonders reifen. Die Normalbiografie von früher gibt es nicht mehr: Wir leben länger und unsere Biografien sind komplexer geworden. Deshalb haben wir mehr und häufigere Lebensübergänge zu bewältigen als Generationen vor uns. Dafür benötigen wir mehr biografische Kompetenz. Verarbeiten wir die Krise bewusst und mit Hoffnung, hat das zahlreiche positive Wirkungen für uns. Im Ergebnis entwickeln wir eine stärkere Persönlichkeit.
Wie Frauen Neuanfänge erleben
Frauenlebensläufe, konkret Themen der Lebensmitte, haben bis in die 1980er Jahre (!) in philosophischen und wissenschaftlichen Texten kaum interessiert, so die Entwicklungspsychologin Perrig-Chiello. Denn die Rolle der Frauen war gesellschaftlich überwiegend festgelegt darauf, sich Kindern und Familie zu widmen, für andere da zu sein.
Lebensübergängen sind für alle Menschen herausfordernd. Frauen bzw. FLINTA haben allerdings aufgrund von biologischen und sozial/kulturellen Unterschieden andere Aufgaben zu bewältigen als Männer.
Gesundheit: Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer, aber bei schlechterer Gesundheit, vor allem im späteren Alter. Viele Frauen sind von schmerzhaften Menstruationen oder der Endometriose geplagt. Schwangerschaften und Entbindungen kosten Kraft und Zeit und hinterlassen bisweilen gesundheitliche Folgen.
Wechseljahre: Die Wechseljahre sind nicht zu unterschätzen: die langen Jahre vor, während und nach dem Klimakterium halten aufgrund der hormonellen Schwankungen viele Symptome wie Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Erschöpfung oder Gliederschmerzen bereit. Die Wechseljahre kommen also zu den weiteren Umbrüchen der mittleren Jahre noch dazu: teilweise gleichzeitig erleben wir Trennungen, Kinder, die aus dem Haus gehen, Eltern, die pflegebedürftig werden oder versterben, Krankheiten oder berufliche Neuorientierungen usw. Deswegen sollten wir in dieser Zeit besonders liebevoll mit uns selbst als Frauen umgehen.
Soziale Rollen und Erwartungen: Das etwa seit 10.000 bestehende Patriarchat hat uns alle geprägt. Frauen lernen schon als kleine Kinder, mehr an andere als an sich zu denken. Frauen leisten pro Woche mindestens neun Stunden mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer und erhalten knapp 18 Prozent weniger Gehalt für gleiche Arbeit als Männer.
Um die Care-Arbeit leisten zu können, sind sie öfter in Teilzeit berufstätig. Alleinerziehende sind zu 83 Prozent Frauen. Diese Rollenverteilung führt also oft zu weniger Einkommen und Karrierechancen. Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen führt zu einem Machtgefälle innerhalb von Partnerschaften und erschwert eigenständige Lebensentwürfe von Frauen.
Zum Dank für die höhere Arbeitsbelastung von Frauen erhalten sie um gut 27 Prozent weniger Rente als Männer. 5 Frauen erhalten auch geringere Erbschaften, haben weltweit 50 Prozent weniger Vermögen als Männer und noch nicht einmal 20 Prozent des Landbesitzes weltweit ist in Frauenhand.
Psychosoziale Belastungen: Frauen sind häufiger von bestimmten psychischen Belastungen betroffen, insbesondere im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen. Dies kann ihre Fähigkeit beeinflussen, Lebensübergänge zu bewältigen. Auch die „Sandwich-Position“ zwischen Kümmern um Teenager-Kinder und Kümmern um pflegebedürftige Eltern ist für viele Frauen eine äußerst belastende Situation. So zieht und zerrt „jeder“ an einer Frau, die in mittleren Jahren sowieso schon die Wechseljahre zu bewältigen hat und auch beruflich stark gefordert ist.
Das Äußere: Nicht nur durch Prägungen aus der Vergangenheit, sondern auch, weil wir in Filmen und Medien noch immer zu wenig respektvollen Umgang mit älteren Frauen erleben, spielt das Äußere für Frauen noch immer eine größere Rolle als für Männer. Die körperlichen und optischen Veränderungen müssen verdaut und angenommen werden. Das kann für manche Frauen eine echte psychische Belastung werden. Wenn der Abschied von Jugendlichkeit nicht genügend akzeptiert werden kann, folgt möglicherweise eine Depression.
Merke:
Frauenlebensläufe sind geprägt von mehr (Care)-Arbeit, mehr gesundheitlichen Belastungen und zugleich weniger Zeit und finanziellen Ressourcen als Männer für ihre ureigenen Interessen in Beruf, Ehrenamt oder Freizeit. Die äußeren Veränderungen sowie Wechseljahre und Sandwich-Position in der Familie sind weitere Belastungen, die Frauen bewältigen müssen. Diese Dinge sollten Frauen im Hinterkopf haben, damit sie informiert und achtsam mit sich gerade auch in Umbrüchen umgehen.
So gelingt dein Neuanfang leichter
Laut Forschung dauert es etwa zwei Jahre, bis Menschen nach Umbrüchen wieder ihr ursprüngliches Niveau des Wohlbefindens erreicht haben, so es vorher gut war. 4 Manchmal geht es einem ja nach einem Neuanfang besser als vorher. Mit folgenden Haltungen packt man die Sache klüger an.
Geduld und Zeit
Ein Neuanfang im Leben ist komplex. Wir haben erleben viele verschiedene Gefühle und Gedanken auf einmal und eine ganze Menge zu regeln. Das Zauberwort für diese Zeit ist: Radikale Akzeptanz!! Auch wenn es schwer ist, nimm deine neue Situation rückhaltlos an, wie sie ist. Sei darüber hinaus geduldig mit dir. Lass dir Zeit, wenn manches länger dauert als du zuerst gedacht und geplant hast. Zum guten Bewältigen einer Lebenswende gehört laut Perrig-Chiello auch, Widerstände, die du spürst, nicht zu bekämpfen, sondern verstehen zu wollen.
Identität ist das ganze Leben wandelbar
Noch vor vielen Jahrzehnten ist man davon ausgegangen, dass Persönlichkeit und Identität ab dem frühen Erwachsenenalter feststehen. Heute weiß man, dass Identität sich über die gesamte Lebenszeit ändern kann. Man kann sich deutlich weiterentwickeln, wenn man offen und neugierig bleibt. Sieh dich auf einem Weg der Entwicklung. Der kann auch mal abwärts oder seitwärts verlaufen. Die Forschung weiß heute, dass wir neben Genen und unserer Umgebung unser Leben zu 50 Prozent selbst beeinflussen können.
„Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.“
Carlota Pérez
Zufriedenheitskurve beachten
Forschende haben herausgefunden, dass die Zufriedenheit im Leben von Menschen in einer U-Form verläuft; über viele Zeiten und Kulturen hinweg. In der Lebensmitte haben wir also – wegen hormoneller Umstellung, besonders vieler Umbrüche gleichzeitig usw. – die geringste Lebenszufriedenheit. Sie steigt spätestens um das 60. Lebensjahr wieder an. Mit diesem Wissen kannst du mögliche Krisen in deiner Lebensmitte vielleicht entspannter sehen.
Quelle: Sat 1-Frühstücksfernsehen: Diagramm der Lebenszufriedenheit
Wachstumsorientierte Einstellung führt weiter
Carol Dweck lehrt und forscht als Psychologin an der Stanford Universität in Kalifornien zu Motivation, Lernen und Entwicklung. Sie stellte fest, welche grundsätzliche Haltung Menschen auszeichnet, die großartige Dinge geschafft haben. Menschen, die überzeugt davon sind, ihre Fähigkeiten mit Lernen und Anstrengung ausbauen zu können, hätten ein wachstumsorientiertes Denken (Growth Mindset). Menschen mit einer eher starren Sicht auf ihre Entwicklung halten jedoch ihr Wissen und ihre Fähigkeiten für nicht veränderbar, hätten also ein Fixed Mindset. Menschen mit einer wachstumsorientierten Sicht auf ihr Leben haben mehr Erfolg, lernen leichter, sind motivierter und sind widerstandsfähiger, hat Carol Dweck herausgefunden.
Leben als Aufstiegsgeschichte erzählen
Dazu passt, was die Narrative Psychologie herausgefunden hat: es macht einen Unterschied, ob wir uns unser Leben als Abstiegs- oder Aufstiegsgeschichte erzählen. Wenn wir uns unser Leben trotz vieler Aufs und Abs als Aufstiegsgeschichte erzählen können, schaffen wir uns ein starkes Fundament und gute Ressourcen, um unser Leben als stimmig (kohärent) und sinnvoll zu erleben. Und darauf aufbauend neue Lebensziele zu finden, die zu unserem Woher passen.
Diese Charaktereigenschaften machen glücklich
Wie die Forschung der Positiven Psychologie herausgefunden hat, gibt es ein paar Charaktereigenschaften, die am besten zu einem glücklichen Leben beitragen.
Dankbarkeit: Sie ist eine gute Basis. Schau, was an deinem Leben alles gut ist, was am vergangenen Tag gut gelaufen ist, besonders schön und bereichernd war.
Bindungsfähigkeit: Über fast alle Kulturen hinweg erleben Menschen die sozialen Bindungen als das Wichtigste ihres Lebens. Sorge dich um die Qualität deiner Beziehungen.
Tatendrang: Wenn wir etwas tun, erleben wir uns als selbstwirksam und handlungsfähig. Wir bewirken etwas und können einen Unterschied machen. Und wir schaffen Ziele.
Humor: Mit ihm geht manches leichter und wir erleben Freude. Außerdem bereichern wir das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen, was wiederum unsere Beziehungen verbessert.
Neugier: Wenn man offen ist für Neues, Dinge wissen will, immer wieder lernbereit ist bis ins hohe Alter, lässt uns das nachweislich gesünder alt werden.
Hoffnung und Optimismus: Diese Haltung als Entscheidung, als Lebensprinzip für sich zu etablieren, kann Berge versetzen. Dabei sollen keineswegs vorhandene strukturelle Ungerechtigkeiten übersehen oder als eigene Schuld gebrandmarkt werden. Aber eine gesunde Haltung dazu, sein Leben doch zur Hälfte selbst bestimmen zu können, ist doch ermutigend. Wir können unsere innere Einstellung beeinflussen. Finde und verfolge proaktiv deine Ziele im Leben und gestalte es nach deinen Werten, Wünschen und Bedürfnissen.
Merke:
Geduld und Selbstmitgefühl helfen uns als grundlegende Haltung in Neuanfängen. Glücklicherweise können wir unsere Identität bis ans Lebensende formen; wir können den Verlauf unseres Lebens zur Hälfte selbst bestimmen. Dabei gilt es, achtsam die Lebenszufriedenheitskurve in der Lebensmitte zu berücksichtigen. Wenn wir bereit sind, immer weiter zu lernen und neugierig sind, haben wir mehr Erfolg im Leben. Sinnvoll ist auch, uns unser Leben als positive Aufwärtsgeschichte, so irgend möglich, zu erzählen. Denn von unserer Einstellung hängt ein großer Teil unserer Lebenszufriedenheit ab.
Neugier und Tatendrang helfen, ein sinnerfülltes (neues) Leben zu führen.
Mit diesen 13 Schritten meisterst du deinen Neuanfang
1. Finde, was dich trägt (Ressourcen)
Wie beim Gehen auf unsicherem Gelände setzen wir am besten erst dann einen Fuß auf das neue Terrain, wenn der andere Fuß auf sicherem Boden steht. In Therapie und Coaching beginnt man deshalb meistens damit, vorhandene Ressourcen zu stärken.
Überlege dir, wer und was dich trägt und hält. Welche Menschen hast du in deinem Umfeld, die dir zuhören, dich umarmen, unterstützen können? An welchen Orten fühlst du dich sicher und geborgen? Wo kannst du ganz du selbst sein und wirst so angenommen, wie du bist?
Welche Tätigkeit/Hobby usw. macht dir Freude und gibt dir Energie? Diese Dinge beruhigen dein Nervensystem, lenken ab und verschaffen dir ein Stück Halt, Sicherheit und Kraft für den Neuanfang. Schreib dir all das am besten mit der Hand auf eine Liste. Du kannst dir diese Liste auch an deine Pinnwand oder den Kühlschrank hängen und farblich kreativ gestalten. Diese Liste immer vor Augen zu haben, kann entlastend wirken.
2. Innehalten, bilanzieren und Selbsterkenntnis
In der Biografiearbeit finden wir immer den Dreiklang: Herkunft, Gegenwart und Zukunft. Nimm dir deshalb Zeit dafür, den vergangenen Lebensabschnitt zu reflektieren. Ein achtsames Schauen auf das, was bisher war, was daran gut war, gibt einem ein Gefühl von Sinnhaftigkeit des vergangenen Lebensabschnittes. Warum habe ich mich in der Vergangenheit für diesen Beruf entschieden? Was war gut an der zerbrochenen Beziehung? Was habe ich erlebt und gelernt? Mit einer wertschätzenden Rückschau baust du dir ein gutes Fundament für dein kommendes Leben.
3. Kindheit und Familiengeschichte reflektieren
Manchmal kommen bei einer Lebenswende auch uralte Gefühle aus Kindheit und Jugend zum Vorschein, die man längst abgelegt zu haben glaubt. Da lohnt es sich, diese Dinge noch einmal genauer zu reflektieren, wenn notwendig, auch mit Hilfe von Psychotherapeut*innen.
Es gibt den denkwürdigen Satz: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“. Das mag überspitzt klingen. Aber es ist möglich, auch schlimme Erfahrungen aus der Kindheit so zu verarbeiten, dass man eine höhere Lebensqualität erreichen kann.
Eine gute Selbstreflektion der eigenen Familiengeschichte erhöht nachweislich unsere Widerstandskraft.
Besonders bei einem sehr fordernden Neuanfang hilft es, dir die eigene Familiengeschichte mit Herkunft, Aufwachsen und Prägung in Kindheit und Jugend genauer anzuschauen. Die noch junge Resilienzforschung hat herausgefunden, dass das Verstehen der eigenen Familiengeschichte dabei helfen kann, ein stärkeres Identitätsgefühl zu entwickeln. Seine Wurzeln zu kennen, verankert uns stärker im Hier und Jetzt. Wir fühlen uns verbunden und getragen.
4. Rituale
Ein beliebtes Ritual wie das Schreiben eines Abschiedsbriefes an das alte Ich, den früheren Freund oder Partner oder eine überstandene Krankheit ist eine gute Möglichkeit, den Übergang bewusst zu gestalten. Ob du diesen Brief dann abschickst, feierlich verbrennst oder in deinen Erinnerungen aufbewahrst, kannst du entscheiden. Aber das Aufschreiben, am wirkungsvollsten von Hand, ist ein tiefer Schreib-Denk-Prozess, der Gedanken und Gefühle verbindet. Dieses Aufschreiben reguliert Gefühle und sortiert die Gedanken.
Mancherorts haben sich bereits Scheidungspartys etabliert. Ich erinnere mich noch sehr gerne an meine Einweihungsfeier, als ich vor wenigen Jahren in meine neue Wohnung gezogen bin. Ich hatte etliche Freunde u.a. aus meinem Chor und sonstigen Zusammenhängen eingeladen und habe sogar ein kleines Gitarrenständchen bekommen. Solche Rituale machen den Lebensübergang spürbar, dokumentieren ihn auch nach außen. Das in Gemeinschaft zu erleben, setzt einen besonderen Moment; für einen selbst wie auch für die Menschen, mit denen man in Beziehung ist.
5. Standortbestimmung im Heute
Pasqualina Perrig-Chiello, Expertin für Lebensübergänge, betont, dass Umbruchphasen zwar verunsichern, zugleich aber Chancen sind, achtsamer für Neues zu werden. Sie empfiehlt eine gründliche Standortbestimmung: Was waren meine Träume? Was habe ich davon bisher umsetzen können und was ist noch offen?
Als nächstes fragt man sich: Wer bin ich heute? Was steckt noch in mir? Durch diese Überlegungen kommt man dann zu stimmigen Antworten darauf, wie man seine Zukunft gestalten, worauf man hoffen darf. 5
Unterziehe alle deine Lebensbereiche, von Beziehungen, deiner beruflichen Situation, Gesundheit bis Freizeit einem Check, inwieweit du mit ihnen zufrieden bist. Hier findest du eine Anleitung, wie du das mit dem Lebensrad am übersichtlichsten und schnellsten für dich herausfindest.
6. Stärken finden und sammeln
Wesentliches Element der Selbsterkenntnis ist, deine Stärken zu kennen. Sie sind eine wichtige Voraussetzung für ein gelungenes Leben. Deine Stärken zu kennen, hilft dir, deine Selbstverantwortung in Gang zu setzen. Sie ist laut Forschung der Schlüssel für Selbstwirksamkeit, Lebenssinn, Wohlbefinden und Gesundheit. 6
Worin bist du besonders gut? Wobei fragen dich Bekannte öfter um Rat? Was hast du schon als Kind gut gekonnt? Was fällt dir leicht? Welche Hürden hast du im Leben schon gemeistert? Welche Eigenschaften haben dir dabei geholfen? Liste all deine Stärken und Fähigkeiten auf. Auch diese Liste kannst du dir sichtbar aufhängen, so dass du sie stets vor dir hast. Auf diese Liste zu schauen, kann in immer wieder aufkommenden Momenten großer Selbstzweifel Soforthilfe leisten.
7. Tun stärkt Selbstbewusstsein
Ist dein Selbstbewusstsein in den Keller gerutscht, dann hilft neben dem Sammeln von Stärken und Komplimenten, einfach ins Handeln zu kommen. Auch häufigem bis ergebnislosem Grübeln können wir mit Tätigkeiten ein Schnippchen schlagen. Bis zu einem gewissen Grad hilft uns das Nachdenken für bewusste Selbsterkenntnis. Zuviel ist aber nachweislich nicht dienlich.
Auch bei leichteren Depressionen hilft es, tätig zu werden. Das gibt uns das Gefühl von aktiver Handlungskompetenz zurück. „Erwachsene“ Tätigkeiten, also Dinge wie Kochen, auf der Tastatur schreiben oder mit dem Hammer Nägel in die Wand zu schlagen, beruhigen das Nervensystem.
8. Hobby (wieder-) entdecken
Eine wunderbare Möglichkeit, etwas zu tun und dich auszuprobieren ist, ein altes Hobby wieder zu betreiben oder ein neues zu finden. Bei einer solchen Freizeitbetätigung musst du kaum Erwartungen erfüllen und kannst klein anfangen. Du kannst feststellen, ob dir diese Betätigung gefällt oder dir doch etwas anderes besser liegt.
Außerdem findest du hier eher Gleichgesinnte und kannst neue Freundschaften entwickeln. Da das Ganze meistens auch noch richtig Spaß macht, schlägst du mindestens drei Fliegen mit einer Klappe. Was das Hobby des Chorgesangs für mich bedeutet, kannst du hier nachlesen.
9. Aufbau sozialer Netzwerke
Pflege deine sozialen Kontakte! Egal, ob mit Familienmitgliedern oder angenehmen Nachbarn. Lege größten Wert auf gute Freundschaften. Besonders Frauenfreundschaften mit Solidarität können dir viel Halt und das Gefühl von Verbundenheit geben. Nutze auch Netzwerke und bitte um Hilfe. Gemeinschaftliche Unterstützung stärkt die Resilienz. Bedenke, dass du anderen Menschen auch einen Gefallen tust, wenn du sie um Hilfe bittest, weil Menschen gerne helfen.
Als eine Freundin wegen eines Klinikaufenthaltes ihren Umzug nicht bewältigen konnte, haben wir das im Freundeskreis für sie erledigt. Wir haben das Möbelabbauen, Kistenschleppen und Wiederaufbauen in der neuen Wohnung als eine schöne Gemeinschaftsaktion mit belegten Brötchen, Sekt und Selters geplant und es hat uns Spaß gemacht. Wir wussten, wir können einer Freundin damit sehr helfen. Das fühlte sich richtig gut an.
10. Dein Körper ist dein Tempel
Auch wenn es langweilig klingt: gehe so pfleglich mit deinem Körper um wie nur möglich: gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, häufiger Aufenthalt in der Natur, eine Schlafroutine, helfen, schneller und gesünder durch die herausfordernde Zeit zu kommen. Nimm regelmäßige Check-Up-Termine bei der Ärztin wahr. Unterlasse Drogen, Rauchen und Alkohol. Sie sind definitiv keine Lösung, sondern ein riesiges Problem. Falls du suchtkrank bist oder gefährdet bist, es zu werden, suche dir Hilfe. Sowohl für die Seele, die damit eine Leere füllen will als auch für die Abhängigkeit. Ich habe als eiserne Regel für mich, niemals aus Frust Alkohol zu trinken, sondern nur für den Genuss. Denn wir haben nur ein Leben und nur diesen einen Körper.
11. Selbstfürsorge
Neben Akzeptanz und Geduld sind ein achtsames Verhalten dir selbst gegenüber hilfreich. Sei so liebevoll mit dir selbst wie möglich! Gehe mit dir so freundlich und wertschätzend um, wie du es (hoffentlich) mit einer Freundin tun würdest.
Auch mit welchen Worten wir innerlich mit uns sprechen, ist bedeutsam: es macht einen Unterschied im Kopf, ob wir uns mit der Stimme der inneren Kritikerin hartherzig antreiben und uns beschimpfen oder ob wir nachsichtig und humorvoll mit scheinbaren Fehlern umgehen. Auch das hat Forschung festgestellt, dass wir zu besseren Ergebnissen kommen, wenn wir Selbstmitgefühl praktizieren. Zum Beispiel statt mit uns zu schimpfen nachsichtig und motivierend mit uns selbst sprechen. Benutze bei Dingen, die dir nicht gelingen, das Wort „noch“ nicht. „Ich kann es noch nicht“. Damit bleibst du realistisch, aber zukunftsgerichtet.
Achte gut auf deine Bedürfnisse. Schule deine Wahrnehmung, finde Worte für das, was du fühlst. So kannst du klar benennen, was du brauchst und willst. Dich klar abzugrenzen, hilft dir einerseits, deine Selbstfürsorge zu stärken (und das fühlt sich sehr gut an 😉) und andererseits machst du anderen deine Grenzen klar. Du musst nicht von allen gemocht werden. Wer Nein sagen kann, wird im Gegenteil mehr respektiert.
12. Neue Werte, neue Ziele
Da sich unsere Identität immer wieder etwas ändert und an unsere aktuellen Lebensbedingungen anpasst, ändern sich auch unsere Werte. Als wir jung waren, wollten wir vielleicht mehr Action in einer Innenstadt-WG, heute suchen wir mehr Harmonie am Waldrand oder umgekehrt.
Mit seinen wesentlichen Werten im Einklang zu leben ist entscheidend für die Lebenszufriedenheit und das subjektive Wohlbefinden. Laut wissenschaftlicher Studien hat wirkt das sehr positiv auf unsere psychische Gesundheit. Werte dienen uns als innere Leitlinien für das Verhalten und unsere Entscheidungen. Hier ist eine Anleitung, mit der du deine (neuen) wesentlichen Werte finden kannst.
Hast du also deine Werte und Bedürfnisse neu für dich sortiert, kannst du nun deine überprüften Lebensbereiche ansehen und daraus deine neuen Zielbereiche definieren. Empfehlenswert ist es, dich zunächst auf 2 große Bereiche zu beschränken. Beim Zielesetzen hilft uns, wenn wir sie konkret benennen und einen Zeitrahmen festsetzen, bis wann wir das Ziel erreichen wollen. Die Ziele sollten für uns attraktiv und ausführbar sein, aber auch realistisch und messbar.
13. Wissen ist Trumpf
Nachdem du jetzt deine Ziele kennst, kannst du dich auch wieder deinem Geist zuwenden. Bildung ist Trumpf! Nutze jede Gelegenheit, dich weiterzubilden, Kurse, Workshops, Seminare zu belegen. Sie eröffnen dir nicht nur neue Perspektiven, sondern Kontakte, Chancen, Möglichkeiten, dich weiterzuentwickeln. Lies Bücher, gute Zeitschriften oder höre Podcasts.
Kümmere dich auch um deine Finanzen so gut es geht. Begleiche Konsumschulden, überprüfe deine Ausgaben und teile dein Geld in Budgets für Fixkosten, Sparen und Aktivitäten, die dir Freude machen. Überprüfe die beim Rententräger hinterlegten Berufs- und Erziehungszeiten, stelle einen Antrag auf Kontenklärung. Stellst du Lücken darin fest, teile sie unbedingt dem Rententräger mit. Normalerweise wird dir alle paar Jahre der aktuelle Rentenstand mitgeteilt. Überprüfe, wieviel Rente du voraussichtlich erhalten wirst. In den meisten Fällen wird sie eine (zu?) große Lücke zu dem Budget aufweisen, das du für dich als lebenswert erachtest. Deshalb kümmere dich so früh wie möglich um private Vorsorge. Schon mit kleinen Sparbeträgen monatlich kannst du einen Grundstock aufbauen.
Merke:
Reflektiere den vergangenen Lebensabschnitt, wertschätze das Gute daran und überlege, was du gelernt hast. Finde deine Ressourcen, um Kraft zu tanken. Nach einer soliden Rückschau überprüfe dein aktuelles Leben: was darf gehen, was soll bleiben, was möchtest du ausbauen. Sammle all deine Stärken und Fähigkeiten. Sie sind ein wirksamer Hebel für deine gelingende Zukunft. Pflege deine Beziehungen und werde aktiv. Bei einem Hobby kannst du beides miteinander verknüpfen. Gehe achtsam mit dir um und setze Grenzen. Für dein zukünftiges Leben ist es am wichtigsten, entlang deiner Werte und Bedürfnisse zu planen. Bleibe hoffnungsvoll und optimistisch.
Tagebuch, Podcasts, Apps und Co.: Nützliche Tools, wenn du zwischen Abschied und Neuanfang stehst
Das Schreiben, vor allem per Hand, ist eine sehr wirkmächtige Möglichkeit, Dinge zu verarbeiten und für sich neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Besonders durchdacht und schön gestaltete Tagebücher und Journals sind diese hier:
Tagebücher/Journals
Von einer Psychotherapeutin entwickeltes Achtsamkeits-Tagebuch, therapiebegleitend oder auch alleine für drei Monate.
Sehr schön strukturiert und aufgebaut von der bezaubernden, niederländischen Firma Vertellis ist dieses Tagebuch für Achtsamkeit.
Für einen tiefergehenden Rückblick auf dein Leben leitet dieses Angebot der Uni Zürich dazu an, sein Leben oder Teile davon aufzuschreiben.
Die Pionierin des Journalings für persönliches Wachstum, die amerikanische Psychotherapeutin Kathleen Adams, bietet auf ihrer Website Schreibmöglichkeiten an, die zum Einstieg oder für tiefergehende Selbstreflektion einladen.
Im deutschsprachigen Raum sind die Angebote des Writersstudio in Wien ein Leuchtturm. Hier gibt es zahlreiche, allerdings nicht ganz günstige, Kurse für autobiografisches Schreiben sowie besondere Schreibgruppen.
Sehr fundierte Schreibkurse, die Psychologie und Biografie miteinander verbinden, bietet auch die Biografieforscherin, Coach und Journalistin Dr. Birgit Schreiber an.
Zum Lesen
Interessante und inspirierende Inhalte rund um Achtsamkeit in der Zeitschrift Flow.
Roman Laufenvon Isabel Bogdan: Eine Frau in mittleren Jahren verarbeitet den Tod ihres Partners durchs Joggen. Stück für Stück findet sie zu neuem Lebensmut.
Sehr empfehlenswertes Sachbuch Own your Age der Entwicklungspsychologin und Expertin für Lebensübergänge Dr. Pasqualina Perrig-Chiello.
Apps
Jede Menge Routinen für Morgens und Abends, Achtsamkeit, Meditation bietet die App 7Mind, größtenteils kostenpflichtig, aber für Barmer-Mitglieder mit Erstattung.
Kostenlose App vom Verlag Ein guter Plan, der auch das Große Buch der Selbstreflektion herausgibt.
Vermeide diese Stolperfallen beim Thema Abschied und Neuanfang
Folgende Fehler begehen Menschen, die ihren Neuanfang erschweren können:
Gefühle deckeln: Veränderungen sind oft mit starken Emotionen verbunden. Das Ignorieren oder Unterdrücken dieser Gefühle kann den Prozess erschweren. Es ist wichtig, sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen und gegebenenfalls Unterstützung zu suchen. Gefühle wollen gefühlt werden. Sie müssen durchlebt werden, damit man hinterher den Schmerz loslassen oder besser verarbeiten kann. Nichtverarbeitete Anteile in uns kommen sonst später oder an anderer Stelle wieder.
Ungeduld: Verlange nicht zu früh zu viel von dir. Ein Neuanfang im Leben ist ein Prozess, der aus vielen einzelnen Schritten besteht. Auch die Seele braucht manchmal länger, als man denkt. Lass dir die Zeit, die du brauchst, um im neuen Leben anzukommen.
Das alte Leben unreflektiert „beiseitelegen“: Wenn du schnell wieder funktionieren möchtest und dafür den bisherigen Lebensabschnitt nicht genug reflektierst, kann es passieren, dass du die gleichen Fehler nochmal machst, deine aktuellen Werte und Bedürfnisse zu wenig überprüfst und Entscheidungen triffst, die nicht klug sind für dich.
Zu früh in eine neue Beziehung stürzen: Falls du eine Trennung hinter dir hast und dir eigentlich dringend eine Beziehung wünschst, möchte ich dir dringend raten, damit zu warten. Es ist wichtig, dass du zunächst die guten und die weniger guten Seiten der zu Ende gegangenen Beziehung für dich aufarbeitest. Dich selbst wieder neu kennenlernst und zu dir findest.
Ein/e neue/r Partner*in möchte auch nicht als Notnagel dienen, sondern um seiner selbst willen geliebt und geschätzt werden. Im ungünstigsten Fall kommen zwei Menschen mit unverarbeiteten Beziehungsgeschichten zusammen und bringen somit Gefühle in die neue Beziehung, die noch mit alten, unverarbeiteten Erfahrungen zusammenhängen. Keine gute Basis für eine gelingende Beziehung zweier erwachsener Menschen.
Isolation: Versuche nicht, alles allein schaffen zu wollen. Frage und nutze Hilfe, sowohl praktisch als auch emotional. Man darf um Hilfe bitten; wir Menschen sind soziale Wesen. Viele Menschen helfen außerdem gern, es fühlt sich für die meisten Menschen gut an, gebraucht zu werden.
Unklare Ziele und mangelnde Planung: Ohne klare und realistische Ziele kann der Neuanfang in die falsche Richtung führen. Es ist wichtig, spezifische und erreichbare Ziele zu definieren, um den Fortschritt messbar zu machen. Ohne sorgfältige Planung hast du zu viel Unsicherheit. Eine strukturierte Herangehensweise hilft, mögliche Hindernisse frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen.
Fehlende Flexibilität: Zu starr sollte der Plan allerdings auch nicht sein. Denn wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten, werfen sie dich wieder aus der Bahn. Deswegen ist eine Mischung aus einem Plan mit flexiblem Reagieren auf Dinge, die am Wegesrand passieren, die beste Mischung. Passe deinen Plan von Zeit zu Zeit an, wenn du neue Erkenntnisse gewonnen hast.
Fazit:
Abschied und Neuanfang können eine Lebens-Krise sein und „Wachstums-Schmerz“ hervorrufen. Doch die meisten Menschen profitieren auch davon. Am meisten hilft, ehrlich das bisherige Leben zu reflektieren. Es gilt, sich auf Ressourcen und Stärken zu konzentrieren und die eigenen Werte und Bedürfnisse neu zu überprüfen. So treffen wir bessere Entscheidungen für den neuen Lebensabschnitt.
Besonders für Frauen sind ein liebevolles Selbstmitgefühl und Geduld mit sich selbst hilfreich. Freundschaften und Netzwerke zu pflegen sowie um Hilfe zu bitten, sind kluge Strategien. Besonders in der Lebensmitte sind Frauen vielfältig beansprucht. Werden sie gut bewältigt, bieten diese Jahre allerdings ganz neue Möglichkeiten für die Liebe, Freundschaften, berufliche Perspektiven und Freizeit. Begegnen Frauen dem Älterwerden mit innerlicher Reife und Selbstbewusstsein, definieren sie ihren Platz im Leben nach eigenen Regeln, steht ihnen ein völlig neuer Lebensabschnitt bevor mit Fülle und Sinnerleben.
„Eine Frau sollte sich jeden Morgen fragen: Wer bin ich? Und was möchte ich heute sein?“
Simone de Beauvoir
Wenn du deine Familiengeschichte reflektieren, dein aktuelles Leben genauer sortieren, deine Stärken, Werte, Bedürfnisse und darauf abgestimmt deine neuen Lebensziele strukturiert angehen willst, dann kommst du mit meinem Kurs schneller ans Ziel.
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Schreibe mir gerne, welchen Neuanfang im Leben du bewältigt hast und wie du das geschafft hast. Ich freue mich auf deinen Kommentar unter diesem Beitrag. 🙂
Quellen:
¹ Own your Age, Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Beltz Verlag, 2024, S.26
² Biografiearbeit in Beratung und Coaching, Hubert Klingenberger, Don Bosco, 2017, S. 9 ff
³ Own your Age, Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Beltz Verlag, 2024, S.43
4 Own your Age, Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Beltz Verlag, 2024, S.118
5 Own your Age, Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Beltz Verlag, 2024, S. 49
6 Own your Age, Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Beltz Verlag, 2024, S. 59
Neuanfänge, Inspirierende Geschichten vom Mut zur Veränderung, Die Zeit, 2025
Musterbruch, Patricia Cammarata, Beltz Verlag, S. 20
Das weibliche Kapital, Linda Scott, Büchergilde Gutenberg, Carl Hanser Verlag, 2020
Auf meinen Spuren, Herbert Gudjons, Birgit Wagener-Gudjons, Marianne Piper, Julius Klinkhardt, 2020